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Freitag, 20. Juli 2018

Freitag, 20. Juli 2018 Schuldenberg vor dem Einsturz Peking balanciert auf der Kredit-Klippe Von Diana Dittmer Der Handelskrieg mit den USA droht Chinas Wirtschaft zu bremsen. Doch hinter dem Zollstreit lauert eine viel größere Gefahr, die auch die globale Wirtschaft bald schmerzlich spüren dürfte. Teilen Twittern Teilen Seite versenden Seite drucken Zur Startseite

Das staatlich angefeuerte Wachstum in China könnte eine Trümmerlandschaft hinterlassen.
Das staatlich angefeuerte Wachstum in China könnte eine Trümmerlandschaft hinterlassen.(Foto: REUTERS)
Freitag, 20. Juli 2018

Schuldenberg vor dem EinsturzPeking balanciert auf der Kredit-Klippe

Von Diana Dittmer
Der Handelskrieg mit den USA droht Chinas Wirtschaft zu bremsen. Doch hinter dem Zollstreit lauert eine viel größere Gefahr, die auch die globale Wirtschaft bald schmerzlich spüren dürfte.
Die Welt schaut auf den amerikanisch-chinesischen Handelskrieg und fragt sich, welche Folgen er wohl für die Wachstumslokomotive der Welt und die globale Wirtschaft haben wird. Dabei kämpft China mit hausgemachten Probleme, die für die Weltwirtschaft viel gefährlicher sind: Allen voran der kolossale Schuldenberg, der jederzeit kollabieren kann.
Die jahrelange Schuldensause der Regierung in Peking hat diesen Monat ihr bislang größtes Opfer gefordert. Wintime Energy, ein Kohlekonzern aus der nördlichen Provinz Shanzim, steht für eine der größten Firmenausfälle, die das Reich der Mitte bislang gesehen hat: Umgerechnet elf Milliarden Dollar Schulden lasten auf dem Unternehmen. Der Berg der Verbindlichkeiten hat sich in weniger als fünf Jahren vervierfacht. Nun kämpft das Unternehmen mit der Pleite.
Wintimes Schicksal könnte sich in ganz China wiederholen. Um üppige Wachstumszahlen von knapp sieben Prozent zu erreichen, lockte die chinesische Notenbank jahrelang mit Niedrigzinsen. Unternehmen sollten auf Pump im großen Stil investieren und so die Wirtschaft anheizen. So wollte es die Regierung. Lange ging diese Rechnung auf.
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Doch nicht erst seit der Finanzkrise 2008 ist klar, dass Wachstum auf Pump ein riskantes Spiel ist: Denn nicht nur das Wirtschaftswachstum wird angefeuert, auch die Bilanzsumme der Banken wird durch die Schuldensause gefährlich aufgebläht. Ende 2016 belief sie sich auf 33,4 Billionen Dollar. Das sind horrende 300 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Die Schulden wuchsen sogar noch schneller als die Wirtschaft. Zum Vergleich: Die Bilanzsumme der US-Banken betrug gleichzeitig nur knapp 17 Billionen Dollar - das waren lediglich 83 Prozent der Wirtschaftsleistung.
Chinas hohe Verschuldungsrate birgt kolossale Risiken. Denn mit den Schulden wachsen die Kreditausfälle. Den Internationalen Währungsfonds veranlasste das bereits zu einer Warnung: "Die Schuldenquote deutet auf eine hohe Wahrscheinlichkeit für bevorstehenden Stress im Finanzsystem hin", schlugen die Analysten kürzlich Alarm. Dass das gepimpte Wachstum in China bald eine Trümmerlandschaft hinterlassen könnte, wird durch Wintime immer offensichtlicher. Experten rechnen damit, dass 2018 in punkto Firmenpleiten das schlimmste Jahr aller Zeiten wird.

Peking tritt auf die Schuldenbremse

Wintime Energy konnte dank günstiger Darlehen im großen Stil Übernahmen finanzieren und expandieren. Doch 2016 versiegten die Geldquellen. Wegen des gefährlich angewachsenen Schuldenbergs trat Präsident Xi Jinping auf die Kredit-Bremse. Er dämmte Schattenfinanzierungen ein, erhöhte die Zinsen und verschärfte die Vorschriften für Vermögensverwalter. Die Folge war nicht nur eine leichte Wachstumsdelle. Es gerieten auch immer mehr Unternehmen in Schwierigkeiten, weil das Kreditkarussell austrudelte. Wintime fehlte plötzlich das Geld, um eine Anleihe zu bedienen. Wehe, wenn es vielen anderen Unternehmen auch so ergehen sollte.
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Chinas Anleihemarkt ist auf rund 12 Billionen Dollar angeschwollen. Heute ist es der drittgrößte der Welt. HNA und Fosum, hierzulande wohlbekannte Unternehmensnamen, stehen für die fatal hohe Verschuldung chinesischer Unternehmen und leiden unter klammen Kassen.
Der Wintime-Flop zeigt, wie gefährlich das Zurückdrehen der Schuldenschraube ist. Am 5. Juli geriet Wintime mit 1,5 Milliarden Yuan in Verzug, was zu Zahlungsausfällen bei 13 weiteren Anleihen in Höhe von 9,9 Milliarden führte. Seitdem sind die Aktien vom Handel ausgesetzt.
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Dass Wintime keine Ausnahme ist und weitere Unternehmen in die Zahlungsunfähigkeit rutschen dürften, lassen weitere Zahlen ahnen: Die durchschnittliche Schuldenquote von börsennotierten Unternehmen in China stieg nach Bloomberg-Daten Ende 2017 auf 99,5 Prozent. Das ist die höchste seit mehr als einem Jahrzehnt. Durch die horrende Verschuldung bekommen Firmen wie Wintime kein frisches Geld mehr, irgendwann gehen die Lichter aus. Derzeit versucht die Firma laut einem Insider verzweifelt Geld aufzutreiben und Vermögenswerte zu verkaufen, um seine bestehenden Verpflichtungen zurückzuzahlen, schreibt "Bloomberg".

Der Handelskrieg ist nur ein Nebenschauplatz

China steht nach der jahrelangen Schuldensause vor einem Scherbenhaufen. Der Handelsstreit mit den USA ist dabei das kleinere Problem. Er wird den Verfallsprozess lediglich beschleunigen. Das Kreditwachstum schrumpft, die Unternehmen können ihre Anleihen nicht mehr bedienen. Aber wegen der ungewissen Zukunft werden die Unternehmen nun auch noch vorsichtiger. "Die Unsicherheit über die Auswirkungen der US-Zölle auf Chinas Exportgröße und -struktur schwächt das Vertrauen der Unternehmen und verzögert grenzüberschreitende Investitionen", schreibt der Direktor für asiatische Wirtschaft am Oxford Economic Research Institute in Hongkong, Louis Kuijs.
Der Handelsstreit mit den USA droht das Wachstum in den kommenden Monaten also weiter zu dämpfen. Aber die eigentlichen Risiken lauern nicht in Washington, sondern in der chinesischen Wirtschaft selbst. Schon heute zeigt der chinesische Immobilienmarkt, der der Haupttreiber der Wirtschaft ist, deutliche Bremsspuren. Ökonomen prophezeien, dass Chinas Probleme in den kommenden Monaten voll zum Tragen kommen werden. Die Regierung hat deshalb auch schon wieder den Kurs geändert und ihre Kampagne gegen die Schuldenrisiken zurückgefahren. Peking versucht die Wirtschaft wieder mit Geld zu unterstützen.
In den vergangenen Wochen gab sie wieder grünes Licht für U-Bahnen und andere Bahnprojekte, die sie wegen Schuldenproblemen gestoppt hatte. Auch die Geschäftsbanken gaben wieder mehr Kredite. Peking steckt in der Zwickmühle: Die Regierung muss die Schuldenparty beenden. Aber wenn sie den Alkohol zu schnell wegsperrt, sitzen plötzlich alle auf dem Trocknen. Die Berichtserstattung der Medien erweckt zwar derzeit den Eindruck, dass die US-Zölle das große Problem sind. Doch wichtiger wäre es, die chinesische Wirtschaft im Auge zu behalten. Eine Karikatur des US-Research-Unternehmens Hedgeye bringt es auf den Punkt. Die wirkliche Gefahr kommt aus der Tiefe.
Quelle: n-tv.de

Nicht zuletzt zeigt auch das US-amerikanische Auftreten im Iran-Konflikt, wie Washington das weltweite Zahlungssystem politisch missbraucht. Die Androhung von Sanktionen gegen alle Banken und Unternehmen, die mit Iran Geschäfte machen, ist deshalb so wirkungsvoll, weil Washington jederzeit den Stecker ziehen und jegliche Finanz- und Zahlungsströme unterbinden kann. Das ist auch der Grund dafür, dass Teheran jetzt 300 Millionen Euro bar aus Deutschland nach Iran transportieren will. Die USA haben bereits protestiert.

US-StaatsanleihenTrump droht sein liebstes Drohmittel zu verlieren

Donald Trump bei einer Kabinettssitzung im Weißen Haus
 
Bislang hat sich Trump von Gegenmaßnahmen anderer Staaten nicht bremsen lassen - das könnte sich nun ändern.
(Foto: dpa)
  • Russland hat in kurzer Zeit einen großen Teil seiner US-Staatsanleihen abgestoßen.
  • Experten gehen davon aus, dass sich das Land so unabhängiger vom Dollar machen und gleichzeitig Druck auf US-Präsident Trump ausüben will.
  • Auch China und die Europäer denken über solche Schritte nach; die Macht der USA basiert jedoch auf der Macht des Dollars.
    Von Cerstin Gammelin, Berlin
    US-Präsident Donald Trump hat in seiner Amtszeit bisher nicht gezögert, Verbündete und Handelspartner vor den Kopf zu stoßen. Er hat Verträge gekündigt, Allianzen aufgebrochen, Fakten verdreht - um Deals zu schließen, bei denen es nur einen Gewinner geben soll: die USA.
    Die Gegenreaktionen der Betroffenen haben Trump bislang nicht bremsen können. Doch das kann sich nun ändern: Die ausländischen Gläubiger der USA schicken sich an, Washington den Geldhahn zuzudrehen. Sie reduzieren ihre Bestände an US-Bonds, legen Geldreserven in Gold an und versuchen, Geschäfte in alternativen Währungen wie Euro oder Yuan abzuwickeln anstatt in Dollar. All diese Maßnahmen laufen darauf hinaus, sich von der Gnade des US-Präsidenten unabhängig zu machen. Zugleich weisen sie Trump in die Schranken, indem sie die Vorherrschaft des Dollar-basierten Finanzsystems angreifen, das Trump als Waffe nutzt.
    Aktuelle Zahlen des US-Finanzministeriums belegen, dass Russland einen großen Teil seiner amerikanischen Staatsanleihen abgestoßen hat. Nach Informationen der Welt hat Moskau im Mai diesen Jahres 69 Prozent seiner amerikanischen Staatsanleihen verkauft. Zuvor seien bereits im April die Bestände an US-Bonds halbiert worden. Damit hat Russland innerhalb von zwei Monaten amerikanische Papiere im Wert von mehr als 81 Milliarden US-Dollar verkauft.
    SZ-GRAFIK; QUELLE: BLOOMBERG
    Analysten und Finanzexperten gehen davon aus, dass die Verkäufe politisch motiviert sind. Russland wolle sich unabhängiger vom Dollar machen und seine Devisenreserven alternativ anlegen. Die Verkäufe fallen zeitlich zusammen mit den im April von Washington unerwartet verhängten Sanktionen gegen den russischen Aluminiumkonzern Rusal. Der Konzern musste erfahren, dass er keine Zinsen mehr auf seine Dollar-Anleihen leisten konnte. Der russischen Führung wiederum wurde klar, dass die Abhängigkeit von einem unsteten US-Präsidenten gravierende ökonomische Folgen haben kann.

    Der Iran-Konflikt zeigt, wie die USA das weltweite Zahlungssystem politisch missbrauchen

    Auch China und die Europäer denken darüber nach, sich unabhängiger vom Dollar und damit von Trumps Zöllen und Sanktionen zu machen. An der Börse in Shanghai werden die Ölgeschäfte bereits in Yuan gehandelt. An den US-Anleihen hält Peking zwar noch fest. Analysten gehen allerdings davon aus, dass sie Trump damit unter Druck setzen wollen. China hält fast ein Fünftel aller von Ausländern gehaltenen US-Staatsanleihen. Der US-Präsident werde sich "sehr gut überlegen", ob er es riskiere, dass Peking diese Titel abstoße. Sollte der Bondmarkt mit US-Anleihen überschwemmt werden, stiegen die Refinanzierungskosten der US-Staatsschuld, heißt es auch in Europa. Trump wäre gezwungen, über steuerliche Maßnahmen gegenzusteuern, was wiederum den wirtschaftlichen US-Aufschwung abbremsen könnte.
    Noch ist der Euro keine wirkliche Alternative zur Dollar-Dominanz. Der Anteil Amerikas an den weltweiten Devisenreserven liegt noch immer bei 62 Prozent. der Euro nur bei 20 Prozent. Das kann sich ändern, wenn große Länder wie China und Russland ihre Bestände verändern und stärker auf alternative Währungen setzen. Die Europäer könnten das fördern, indem sie etwa darauf dringen, mehr Öl- und Gasgeschäfte mit Russland in Euro abzuwickeln. Bereits begonnen hat auch eine verstärkte Zusammenarbeit mit China: Der "europäisch-chinesische Finanzdialog" soll unter anderem dazu führen, die Finanzgeschäfte mit Fernost zu intensivieren.
    SZ-GRAFIK; QUELLE: DEPARTMENT OF THE TREASURY/FEDERAL RESERVE BOARD, BLOOMBERG
    Nicht zuletzt zeigt auch das US-amerikanische Auftreten im Iran-Konflikt, wie Washington das weltweite Zahlungssystem politisch missbraucht. Die Androhung von Sanktionen gegen alle Banken und Unternehmen, die mit Iran Geschäfte machen, ist deshalb so wirkungsvoll, weil Washington jederzeit den Stecker ziehen und jegliche Finanz- und Zahlungsströme unterbinden kann. Das ist auch der Grund dafür, dass Teheran jetzt 300 Millionen Euro bar aus Deutschland nach Iran transportieren will. Die USA haben bereits protestiert.
    Politik USA Warum sich die Europäer wieder fürchten müssen

    Warum sich die Europäer wieder fürchten müssen

    Beim Gipfel zwischen Trump und Putin in Helsinki treffen sich zwei Präsidenten, die multilaterale Abkommen für unnötige Einschränkungen ihrer Souveränität halten. Für Europa heißt das nichts Gutes. Kommentar von Julian Hans mehr...

    Mittwoch, 18. Juli 2018

    Im Streit über Iran-Sanktionen wird die Bundesbank zum Spielball von EU und USA

    ATOMDEAL-KONFLIKTIm Streit über Iran-Sanktionen wird die Bundesbank zum Spielball von EU und USA

    USA und EU streiten seit Monaten wegen des Erhalts des Atomdeals mit dem Iran. Nun gerät die Bundesbank zwischen die Fronten.
     
    Im Mai verkündete US-Präsident Trump neue Sanktionen gegen das Land. Quelle: Reuters
    Iran
    Im Mai verkündete US-Präsident Trump neue Sanktionen gegen das Land.
    (Foto: Reuters)
    BerlinDer Konflikt zwischen Europa und den USA um erneute Sanktionen gegen den Iran zieht immer weitere Kreise. Jetzt droht auch die Deutsche Bundesbank in den Strudel hineingezogen zu werden: In EU-Kreisen gibt es Überlegungen, nationale Notenbanken einzuspannen, damit die wirtschaftlichen Beziehungen zum Iran erhalten werden können.
    Die Zentralbanken würden für die privaten Geschäftsbanken einspringen, die sich aus Angst vor Strafmaßnahmen in Amerika zunehmend aus dem Iran zurückziehen. Dadurch wird es für europäische Firmen immer schwieriger, Geld in das Land zu überweisen oder von dort zu erhalten.

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    Montag, 16. Juli 2018

    The so-called Countering America’s Adversaries Through Sanctions Act (CAATSA) mandates the US administration to punish entities engaging in significant transactions with Russia’s defense sector companies.

    ‘US law doesn’t apply here’: India’s defense chief resists pressure over S-400 deal with Russia

    ‘US law doesn’t apply here’: India’s defense chief resists pressure over S-400 deal with Russia
    American laws are their own matter locally and have nothing to do with India, the country’s defense chief said, refusing to bow to a US sanctions threat over its planned purchase of Russian S-400 air-defense systems.
    New Delhi has relayed to Washington that the threat of unilateral US sanctions will not have an impact on its decision on the possible purchase of S-400 Triumf air defense missile systems from Russia.
    “We have told the US Congress delegation that this is US law and not a UN law,” India's defense minister Nirmala Sitharaman noted, apparently referring to a US federal bill that was implemented in 2017.
    The so-called Countering America’s Adversaries Through Sanctions Act (CAATSA) mandates the US administration to punish entities engaging in significant transactions with Russia’s defense sector companies.
    Refusing to bow to the threat of potential sanctions, Sitharaman said that the 39,000 crore ($5.7bn) deal to purchase five S-400 units has nearly been finalized. “Our defense relation with Russia has endured several decades and we have conveyed this about it to a US Congressional delegation which visited India recently,” Sitharaman told a group of reporters at her office in South Block.
    The deal is expected to be finalized by the fall, to be sealed during a summit between Prime Minister Narendra Modi and President Vladimir Putin in India this October. The S-400 Triumf is the most advanced Russian anti-aircraft system available for export, designed to engage aerodynamic targets at a range of up to 400km and ballistic missiles up to 60km away. One S-400 division can engage up to 36 targets simultaneously, while the launcher can use at least four interceptor missile types, suited to different targets.
    India is not the only country that is being pressured by Washington because of plans to purchase Russia’s S-400. US lawmakers have been threatening sanctions against Turkey and are seeking to ban F-35 deliveries if Ankara goes ahead with the deal.
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    Sonntag, 15. Juli 2018

    ich habe die SZ eigentlich noch nie so richtig gemocht (die Inhalte) // die FAZ kommt mir viel näher


    Nationalisten Trump und PutinUmkehr der Nachkriegsordnung

    Politik USA Trump trifft Putin
     
    Sie verlangen nach Umsturz nur um des Umsturzes willen: Donald Trump und Wladimir Putin auf dem G20-Gipfel 2017 in Hamburg.
     (Foto: AFP)
    Donald Trump und Wladimir Putin, zwei zutiefst nationalistische Populisten, wollen den liberalen Westen zerstören - und verpassen der Demokratie den schlimmsten Rückschlag seit den faschistischen 30er-Jahren.
      Kommentar von Stefan Kornelius
      Einem marodierenden Söldnertrupp gleich zieht Donald Trumpmit seiner Entourage durch Europa, zerstört Gewissheiten und Institutionen, verbrennt Freundschaften und eine 70 Jahre alte Ordnung. Zeiten des Umbruchs sind das, Zeiten der Ungewissheit und der Sorge, weil sich in atemberaubender Schnelligkeit eine alte Welt verabschiedet, ohne dass die neue zu erkennen wäre.
      Solche Phasen hat es immer wieder gegeben: Bündnisse wachsen und schrumpfen, Strukturen verrotten, Gesellschaften geraten unter Stress. Die Zeit der demokratisch-liberalen Hochblüte war nie frei von Gefahren, der Westen nie unangefochten. Nun aber zeichnet sich eine Trendwende ab, eine grundsätzliche Umkehr der Ordnung, wie sie seit dem Zweiten Weltkrieg gewachsen ist. Donald Trumps Reiseroute von Brüssel über London nach Helsinki zeichnet die Konturen dieser neuen politischen Landkarte.
      In Brüssel brachte der US-Präsident die wichtigste Institution des Westens ins Wanken. Die Nato war für die USA immer ein Instrument zum Erhalt des Friedens in Europa und ein Garant für den eigenen politischen und ökonomischen Einfluss. Für Trump aber hat sie keine strategische Bedeutung, die politische Wirkmacht eines Bündnisses erkennt er nicht.
      In London verabschiedet sich das neue Amerika vom angelsächsischen Bündnis, dem zentralen Strang der transatlantischen Freundschaft. Die special relationship, allemal mehr rührselige Erinnerung als Gebrauchswerkzeug, gibt schon lange nicht mehr die Kräfteverhältnisse zwischen Europa und den USA wieder. Aber in ihr spiegelt sich Winston Churchills tiefe Überzeugung von der Unverzichtbarkeit der USA als europäische Macht. Was für ein historischer Zynismus, dass der Präsident dieses Band ausgerechnet in Blenheim Palace zerschneidet, dem Ahnensitz der Churchills. Sein widerlicher Angriff auf Theresa May, seine unverblümte Einmischung in die britische Innenpolitik und die Parteinahme in einem veritablen Machtkampf in Whitehall ist in der neueren britisch-amerikanischen Geschichte ohne Beispiel.
      Der eigentliche Vermessungspunkt dieser neuen Zeit wird aber in Helsinki gesetzt, wenn sich Trump mit Russlands Präsident Wladimir Putin trifft. Russlands globale Bedeutung ist nach dem Zerfall der Sowjetunion zu Recht geschrumpft. Nun steht die Geburt einer neuen Supermachtskonstellation bevor: Dies wird der erste Gipfel zweier zutiefst nationalistischer Populisten sein. Putin und Trump sind wesensverwandt, die Konflikte zwischen beiden Nationen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich hier zwei Gleichgesinnte die Hand reichen werden.
      Trump kann seine Bewunderung für Putin kaum verbergen. Dieser Mann teilt seine Vorstellung von Regierungskraft und autoritärem Gebaren. Die ungeteilte Macht wird jetzt auch in Washington ausgelebt. Von der Verzwergung der demokratischen Kontrolle und der Umformung der Parteienlandschaft bis hin zu einem Führerkult imitiert Trumps Amerika den russischen autoritären Staat. Trump und Putin teilen die Ordnungsvorstellung für die Welt, sie denken in Einflusszonen und kategorisieren nach militärischer Stärke. Beide verachten oder zerstören unabhängige Medien. Beide missbrauchen ihr öffentliches Amt für den privaten Vorteil. Beide unterstützen populistische Bewegungen in Europa und rekrutieren ihre Anhängerschaft in demokratiefeindlichen Kreisen, die nun überall Zulauf erhalten. Mit Trumps Narzissmus wird Putin kaum mithalten können, dafür wird der russische Präsident seine taktische Überlegenheit nutzen und Trumps Ignoranz und Eitelkeit als Waffe für sich nutzen.

      Amerika ist eine Gefahr geworden für die Demokratie

      Dunkle Kräfte der Macht ballen sich da zusammen: Illiberalität, Demokratieverachtung, Protektionismus, Revisionismus. Und selbstverständlich ist der gesamte Westen diesen Kräften ausgesetzt. In Ungarn und Polen sitzen ihre Protagonisten an der Macht, seit Neuestem auch in Italien, und in Deutschland sind sie in veritabler Stärke im Bundestag zu finden. Sie verbindet die Abscheu über das alte System und die alten Eliten. Sie verlangen nach Umsturz zunächst nur um des Umsturzes willen. Sie glauben, ihre Vorstellung von Ordnung und Autorität sorge für mehr Halt als das demokratische Modell und die liberale Gesellschaftsordnung.
      Die wuchtige Botschaft dieser Woche lautet also: Der Geist der neuen Zeit hält nun auch die USA umschlugen und wird durch deren Präsidenten verbreitet wie ein tödliches Virus. Amerika als Leuchtturm der Demokratie und Vorkämpfer der freien Welt ist eine Gefahr geworden für die Demokratie und die alte Weltordnung.
      Im Kalten Krieg drehte sich der zentrale Konflikt nicht um Territorium, Wirtschaft oder militärische Stärke, sondern um die ideologische Dominanz auf der Welt. Das sowjetische Staatsmodell mit seiner autokratischen, leninistisch-stalinistischen Ausrichtung auf der einen Seite und das Modell der westlichen und mithin amerikanischen Demokratie samt liberaler, regelgebundener Staatenordnung auf der anderen Seite lieferten sich einen erbitterten Kampf um Vorherrschaft. Erst die demokratische Revolution in Mittel- und Osteuropa und der Fall der Mauer beendeten diesen Konflikt.
      Ausgerechnet in Helsinki begann die Erosion des Sowjet-Totalitarismus 1973mit der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Nun also wieder Helsinki, aber diesmal unter anderen Vorzeichen. Die Avantgarde der Illiberalen tritt an, unter russischer und amerikanischer Flagge. Die Gegenpartei der westlichen Demokraten ist nicht vertreten. Die Kräfte der Transformation arbeiten gegen sie.
      Die Demokratie erlebt in diesen Zeiten den schlimmsten Rückschlag seit den faschistischen 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Ihre Freunde sollten die Erschütterungen zwischen Brüssel und Helsinki als drastische Warnung begreifen.