Montag, 8. Juni 2015

Griechenland Wäre der Euro-Austritt doch ansteckend? Macht euch wegen Griechenland keine Sorgen, ein Austritt aus dem Euro ist nicht mehr ansteckend. So hatte man uns beruhigt. Doch jetzt zittern die Finanzmärkte plötzlich doch wieder vor dem Grexit. 07.06.2015, von CHRISTIAN SIEDENBIEDEL


GriechenlandWäre der Euro-Austritt doch ansteckend?

Macht euch wegen Griechenland keine Sorgen, ein Austritt aus dem Euro ist nicht mehr ansteckend. So hatte man uns beruhigt. Doch jetzt zittern die Finanzmärkte plötzlich doch wieder vor dem Grexit.

© DDP IMAGESVergrößernEuro oder kein Euro? Griechenland bewegt die Finanzmärkte.
Der vergangene Freitag war kein guter Tag für die Anleger. Der deutsche Aktienindex Dax rauschte unter die Marke von 11200 Punkten und damit unter sein Tief aus dem Monat Mai. In der vergangenen Woche hat er damit rund zwei Prozent verloren – das lag auch an der ständigen Unsicherheit wegen Griechenland. Bereits in der Woche davor gab es ein seltsames Auf und Ab an den Börsen: Am Mittwoch hieß es, die Kurse stiegen, wegen Griechenland.
Am Donnerstag und Freitag dann sanken die Kurse. Diesmal argumentierten die Börsianer, die Aussichten auf eine Einigung mit Griechenland seien wohl doch nicht so gut. Die Anleger blieben nervös – auch wegen starker Ausschläge an den Anleihemärkten und dem Wechselkurs des Euros.
Was ist da los? Treibt die Sorge um eine Insolvenz Griechenlands und sein mögliches Ausscheiden aus dem Euro die Märkte jetzt womöglich doch stärker um als bislang gedacht?

Auf fremde Hilfe angewiesen

„Die Luft wird dünn“, schreiben die Volkswirte des Bankhauses Oppenheim. Aber hieß es das nicht schon so oft? Zuletzt wies der griechische Staatspräsident Alexis Tsipras am Freitag wieder einmal die Forderungen der Geberländer zurück. Verlangt worden war unter anderem eine Erhöhung der Mehrwertsteuer auf Elektrizität und eine Rentenkürzung um ein Prozent der Wirtschaftsleistung. Tsipras nannte das absurd. Im griechischen Parlament war abermals von Neuwahlen die Rede. Erst am vergangenen Montag hatten die Geberländer diese Vorschläge als „letztes Angebot“ präsentiert.
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„Eine Entscheidung muss in den nächsten zwei Wochen fallen“, meint Dirk Schumacher, der Deutschland-Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs. Die Zahlung von 300 Millionen Euro, die gerade verschoben wurde, hätte Griechenland vielleicht noch aus eigenen Mitteln stemmen können. Aber für die 1,6 Milliarden Euro, die es im Laufe des Junis an den Internationalen Währungsfonds zu zahlen hat, sei das Land vermutlich auf fremde Hilfe angewiesen. „Umso mehr, als im Juli auch noch Zahlungen an die Europäische Zentralbank fällig werden.“ Klingt ernst.

Draghi verunsichert Anleger

Trotzdem: Lange Zeit hatte es so ausgesehen, als lasse Griechenland die Finanzmärkte diesmal kalt. Anders als 2010 und 2012, als jede Spekulation um die Griechen nicht nur die Renditen griechischer Staatsanleihen steigen ließ, sondern auch die Portugals, Spaniens und Italiens. Seit nun Ende vergangenen Jahres vor der Wahl in Griechenland die Sorge aufkam, die Griechen könnten die Zusammenarbeit mit den Geldgebern aufkündigen und den Euro verlassen müssen, waren zwar die Renditen der griechischen Staatsanleihen wieder gestiegen.
Nicht aber die der anderen Eurostaaten. Politiker und Ökonomen leiteten daraus die Theorie ab, ein Grexit sei jetzt nicht mehr ansteckend und für die anderen Staaten Europas kalkulierbar – weil Europa alle Ansteckungseffekte mittlerweile im Griff habe.
Gibt es an dieser Theorie jetzt etwa Zweifel? Goldman-Ökonom Schumacher meint: „Es ist immer schwer zu trennen, ob ein Anstieg der Renditen wie beispielsweise jetzt bei Bundesanleihen mit der Entwicklung in Griechenland zu tun hat oder nur mit den Äußerungen von Mario Draghi.“ Der EZB-Präsident hatte vergangene Woche angedeutet, es lasse die Notenbank kalt, wenn die Kurse von Anleihen stark schwankten – das hatte die Anleger verunsichert.
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© BAYERISCHER RUNDFUNK, BLUE SILVER, F.A.Z.VergrößernAnimation: Was bedeutet eigentlich „Grexit“?

Grexit: Dax würde fallen

„Dass die Verhandlungen mit Griechenland aber ein Faktor sind, der im Augenblick die Märkte bewegt, ist keine Frage“, sagt Schumacher. „Es wäre auch schwer vorstellbar, dass ein Erfolg oder Scheitern der Verhandlungen überhaupt keine Auswirkungen auf den Euro, die Zinsen und die Aktienkurse hätte.“ Daher schwanken die Kurse im Augenblick mit den Nachrichten. „Headline Bingo“ nennen das die Börsianer.
Zwei Fragen ergeben sich daraus für alle Anleger: Wären die Folgen für die Finanzmärkte aus einem Grexit nur vorübergehender Natur? Oder muss man doch mit so ernst zu nehmendem Verwerfungen rechnen, dass man schon jetzt sein Portfolio lieber ganz auf Nummer sicher umstellt?
Infografik / Die Grexit-Sorge erreicht die Märkte© F.A.Z.VergrößernSeit Monaten geistert der „Grexit“ durch die Finanzwelt: Wie verhalten sich Medien, Anleger und der Dax?
Die meisten Experten meinen, es würde zwar Reaktionen der Märkte auf einen „Grexit“ geben, allerdings weit unter einer Eskalationsstufe von „Chaos“. Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz, prognostiziert: „Wenn es zu einem Austritt Griechenlands aus dem Euro kommt, kann der Dax durchaus schon mal zehn bis 15 Prozent verlieren.“

Alle Prognosen bleiben riskant

Auch die Spreads anderer europäischer Staatsanleihen, also die Abstände der Renditen zu deutschen Bundesanleihen, könnten um 0,5 oder einen Prozentpunkt hochgehen. Man müsse allerdings dazusagen, dass ein Austritt Griechenlands mit großer Unsicherheit verbunden wäre: „Es gibt schließlich noch keinen solchen Fall. Alle Prognosen bleiben deshalb riskant.“
Vorstellen könnte man sich immerhin: Wenn Griechenland es nicht schafft, seine Schulden zu bezahlen, und den Euro verlässt, könnten Investoren an den Finanzmärkten darauf spekulieren, dass Portugal das nächste Land ist, dem es ähnlich ergeht. „Die Schulden Portugals sind immerhin doppelt so hoch wie die der Griechen, weil das Land nicht von einem Schuldenschnitt oder Ermäßigungen bei den Zinsen profitieren konnte“, sagt Heise.
Er glaubt allerdings: Es würde sich schnell die Erkenntnis durchsetzen, dass Portugal wieder auf einem Wachstumskurs sei, die Arbeitslosigkeit langsam zurückgehe – und vor allem viel Bereitschaft zu Reformen da sei. Außerdem würden der europäische Rettungsschirm ESM und das OMT-Programm der Europäischen Zentralbank dafür sorgen, dass Ansteckungseffekte im Keim erstickt würden.

Rat zur Vorsicht

Für das umstrittene OMT-Programm hatte sich EZB-Präsident Draghi vorsichtshalber genehmigen lassen, unbegrenzt Staatsanleihen gezielt von Krisenstaaten aufzukaufen. Das Programm war nie eingesetzt worden und wird auch vor dem Europäischen Gerichtshof beklagt – notfalls wäre es aber einsatzfähig, falls es nach einem Grexit zu Verwerfungen käme.
Die Möglichkeiten für Anleger, etwas zu tun, scheinen hingegen begrenzt. Von der Variante, jetzt auf einen Grexit zu spekulieren, raten die Experten ab. „Anleger sollten vielleicht im Augenblick etwas vorsichtiger sein, weil die Verhandlungen über die Zukunft Griechenlands weiterhin für stärkere Schwankungen der Kurse am Aktienmarkt sorgen könnten“, sagt Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege der Deutschen Bank für Privat- und Firmenkunden. „Grund für Pessimismus sehe ich aber nicht. Bedeutend entscheidender für die Märkte ist meines Erachtens die mögliche Zinswende in Amerika.“

Griechenland – keine Gefahr für Deutschland

Das zu hören wird die Griechen sicher freuen – Deutschlands größte Bank hält es für wichtiger, wenn Amerikas Notenbankchefin Janet Yellen ihre Zinserhöhung um ein paar Wochen verschiebt, als wenn Griechenland pleitegeht und aus dem Euro fliegt.
Umgekehrt könnte es aber wohl positive Entwicklungen an den Aktienmärkten geben, wenn die anderen Staaten Griechenland noch einmal Geld leihen – und der Konflikt wieder verschoben wird. „Schon jetzt sind in die Aktienkurse Abschläge eingepreist, die auf Griechenland beruhen“, sagt Allianz-Ökonom Heise.
„Wenn die griechische Regierung in letzter Minute noch einlenkt, was ich für sehr wahrscheinlich halte, werden die Kurse deshalb steigen.“ Langfristig werde Griechenland die positiven Aussichten für den deutschen Aktienmarkt, die durch die gute Konjunktur und die expansive Geldpolitik der EZB bestimmt würden, nicht nachhaltig trüben können.

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