Umfrage zur Ukraine-KrisePutin polarisiert
Welches Bild haben Menschen verschiedener Nationen von Russland und Wladimir Putin? Neue Zahlen zeigen: Die Ukraine-Krise verändert die Wahrnehmung. Es gibt große Unterschiede zwischen Amerikanern und Deutschen.
10.06.2015, von KLAUS-DIETER FRANKENBERGER
Auf dem G-7-Gipfel in Schloss Elmau demonstrierten die Teilnehmer Geschlossenheit gegenüber Russland. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel und Präsident Barack Obama bemühten sich darum, zu zeigen, wie eng das deutsch-amerikanische Verhältnis trotz der bekannten Irritationen sei. Gerade in der Ukraine-Krise stimmen sie sich auf das engste ab und dämmten aufkommende Meinungsverschiedenheiten schnell ein. In einer neuen Umfrage hat das amerikanische Meinungsforschungsinstitut Pew Research Center jedoch erhebliche Unterschiede im Urteil der jeweiligen Bevölkerung über den Ukraine-Konflikt und besonders über westliche Handlungsoptionen ermittelt. Während, zum Beispiel, knapp zwei Drittel der befragten Kanadier (65) und Amerikaner (62) einer Nato-Mitgliedschaft der Ukraine zustimmen, ist jeweils nur gut ein Drittel der Deutschen (36) und der Italiener (35) dafür.
Russland wird überwiegend die Schuld an der Ukraine-Krise gegeben, und es wird sogar als militärische Bedrohung für Nato-Staaten gesehen – was Präsident Wladimir Putin jüngst vehement bestritten hat. Das Bild Russlands im Westen und Putins im Besonderen hat stark gelitten. Umgekehrt ist das Ansehen Putins im eigenen Land während des Konflikts dramatisch gewachsen; er kommt auf Zustimmungswerte von bis zu neunzig Prozent. Auch der russische Nationalismus habe einen neuen Höhepunkt erreicht, schreiben die Forscher: 63 Prozent der befragten Russen hätten eine „sehr gute“ Meinung von ihrem eigenen Land; vor zwei Jahren, 2013, lag dieser Wert noch bei 34 Prozent. Ein positives Bild von der EU und von den Vereinigten Staaten haben nur noch Minderheiten in Russland: 31 beziehungsweise 15 Prozent. Hierin spiegelt sich auch die harte, mitunter aggressive antiwestliche Rhetorik der Führung in Moskau. Befragt wurden Bürger in acht Nato-Ländern – den sechs europäischen und nordamerikanischen G-7-Ländern sowie Spanien und Polen –, in Russland und in der Ukraine. Die Umfrage wird an diesem Mittwoch vorgestellt.
Italiener und Deutsche gegen Bewaffnung der Ukraine
Befragt, ob sie westliche Wirtschaftshilfe an die Ukraine befürworteten, äußerten sich große Mehrheiten in sieben der acht Nato-Länder zustimmend; nur in Italien lag die Zustimmung mit 44 Prozent erheblich unter dem Mittelwert. Eine EU-Mitgliedschaft der Ukraine hielten auch nur 37 Prozent der Italiener für eine gute Idee, während Mehrheiten in Polen (60 Prozent), Spanien und im Vereinigten Königreich (53) ebendieser Meinung waren. Vor ein paar Monaten wurde heftig darüber diskutiert, ob die Nato Waffen an die Ukraine liefern soll. Insgesamt sind die Befragten sehr skeptisch, was diese Form der Hilfe und die damit verbundene militärische Eskalationswahrscheinlichkeit betrifft. Zwar stimmen fünfzig Prozent der Polen, 46 Prozent der Amerikaner und immerhin vierzig Prozent der Franzosen zu, aber nur 22 Prozent der Italiener und 19 Prozent der Deutschen.
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Die hypothetische Frage, ob im Falle eines militärischen Konflikts Russland mit einem Nato-Mitglied diesem Land nach Artikel V des Nato-Vertrags militärisch Beistand geleistet werden soll, förderte ebenfalls Unterschiede zutage – bei einem insgesamt gespaltenen Meinungsbild: Absolute oder relative Mehrheiten in Amerika (56 Prozent), Kanada (53), Großbritannien (49), Polen (48) und Spanien (48) sind dafür, dass ihr eigenes Land dem Bündnispartner zu Hilfe eilt; Mehrheiten in Frankreich (53), Italien (51) und Deutschland (58) sprechen sich dagegen aus. Damit wäre die Bündnissolidarität in Frage gestellt. Gleichzeitig äußern große Mehrheiten – in der Regel zwei Drittel und mehr – die Erwartung, die Vereinigten Staaten würden militärische Gewalt anwenden, um das bedrängte Land zu verteidigen.
In keinem der an der Umfrage beteiligten Nato-Länder haben so viele Bürger Vertrauen in Putin wie in Deutschland: nämlich 23 Prozent; ein positives Russland-Bild haben 27 Prozent der Deutschen und dreißig Prozent der Franzosen. Auffallend ist die Abnahme der Zustimmung zur Nato in Deutschland: Während 2009 noch mehr als zwei Drittel ein positives Bild von der Allianz hatten (73 Prozent), waren es 2015, nach mehr als einem Jahr Ukraine-Krise, nur noch etwas mehr als die Hälfte (55). Bemerkenswert sind auch die Unterschiede zwischen Amerikanern und Deutschen. Während Amerikaner grundsätzlich für eine robustere Haltung gegenüber Russland eintreten, sind Deutsche (sehr) zurückhaltend in puncto Waffenlieferungen an die Ukraine und deren Mitgliedschaft in Nato und EU. Dafür sind mehr als zwei Drittel für Wirtschaftshilfe an Kiew (62 Prozent der Amerikaner). Gut ein Viertel der Deutschen (29) befürwortet die Rücknahme von Sanktionen gegen Russland. Für ihre Politik gegenüber Kiew und Moskau findet die Bundesregierung weitgehend Unterstützung der Bevölkerung, stößt aber auch auf nicht geringen Widerspruch.
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