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Samstag, 8. November 2014

Charles Kindleberger Wenn’s ganz schlimm kommt, hilft nur der Staat Charles Kindleberger hat Finanzkrisen akribisch untersucht: Am gefährlichsten wird es dann, wenn die Politik sich nicht zuständig fühlt. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.

Charles KindlebergerWenn’s ganz schlimm kommt, hilft nur der Staat

Charles Kindleberger hat Finanzkrisen akribisch untersucht: Am gefährlichsten wird es dann, wenn die Politik sich nicht zuständig fühlt. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.

© HARRY S. TRUMAN LIBRARYVergrößernCharles Kindleberger (1910-2003)
Für einen Ökonomen hatte Charles Kindleberger schon immer sehr viel Respekt vor der Politik. „Wir erwarten von den Wirtschaftswissenschaften einfach viel zu viel“, hat er einmal in einem Interview gesagt. Angesichts des permanenten Wandels, dem die Wirtschaft unterliegt, fand er es vermessen, endgültige Schlussfolgerungen ziehen zu wollen, wie sie funktioniert. Märkte machen ihre Arbeit zwar in der Regel recht gut, sind aber krisenanfällig. Überlässt man sie in Krisen sich selbst, hat das schlimme Folgen.
Sicher kam dieser Hang zum Politischen auch daher, dass Kindleberger selbst schon in jungen Jahren zum Protagonisten wichtiger politischer Ereignisse wurde. Der amerikanische Ökonom wurde im Jahr 1910 geboren und kam damit in einer Zeit zur Wirtschaftswissenschaft, die durch weltweite Krisen geprägt war. Zu verstehen, wie Krisen entstehen und bewältigt werden können, sollte sein Lebensthema werden.
Als im Jahr 1929 die amerikanische Börse abstürzte, hatte der junge Charles gerade erst sein zweites Jahr an der Universität begonnen und vermochte die Ereignisse noch nicht einzuordnen. Doch nur wenige Jahre später wurde er selbst zum Akteur. Als Mitarbeiter des amerikanischen Finanzministeriums und der Federal Reserve verfolgte er die Panik am Goldmarkt und die Dollarkrise des Jahres 1937.

Krisen sind im Kapitalismus unvermeidlich

Nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten arbeitete er für den amerikanischen Auslandsgeheimdienst. Und als der Krieg vorbei war, wechselte Kindleberger ins Außenministerium, wo er zu einem der Architekten des Marshallplans wurde, mit dem die Vereinigten Staaten die wirtschaftliche Erholung des europäischen Kontinents - und des wichtigsten eigenen Marktes - beschleunigen wollten. Die Erfahrung, dass ein einzelnes Land viel Geld in den Wiederaufbau einer ganzen Weltgegend steckt, um das internationale Wirtschaftssystem wieder auf Kurs zu bringen, prägte Kindleberger. Die Bedeutung solch „wohlwollender Hegemonie“, um Krisen zu überwinden, zieht sich durch sein Werk, obwohl er der Politik den Rücken kehrte und Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) wurde, nachdem der Marshallplan verabschiedet war.
Zu wissen, wie Krisen erfolgreich bekämpft werden können, war Kindleberger deswegen so wichtig, weil er sie für unvermeidlich hielt. In Kindlebergers Theorie, die auf den Modellen des Krisenforschers Hyman Minsky aufbaut, sind die Blasen, die Krisen auslösen können, eine unausweichlich wiederkehrende Erscheinung des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Zwar betonte er in seiner Arbeit immer wieder die Bedeutung spezieller historischer Umstände und mied die mathematischen Modelle, die viele seiner Kollegen bevorzugten, um die Gesetzmäßigkeiten der Wirtschaft zu beschreiben. Doch die Untersuchung so unterschiedlicher historischer Krisen wie des holländischen Tulpenwahns und der großen Depression ließ ihn zu dem Schluss kommen, dass Krisen über die Jahrhunderte einem ähnlichen Muster folgen.

„Suche nach der verlorenen Zeit“

Alles beginnt ganz harmlos: Eine Neuerung im System - die Erfindung der Eisenbahn, des Internets oder auch nur eine Lockerung der Vergaberegeln für Hypothekenkredite - schafft neue Verdienstmöglichkeiten. Erste Investoren legen ihr Geld an und erwirtschaften hohe Renditen, was immer mehr Menschen verführt, immer höhere Beträge zu investieren und sich dafür immer mehr zu verschulden. Die Preise steigen ins Unermessliche. Irgendwann bringt eine kleine Irritation am Markt, etwa die unerwartete Pleite eines Unternehmens, den Preisanstieg ins Stocken. Die ersten Investoren ziehen ihr Geld ab, andere folgen ihnen nach. Es kommt zur Panik. Auf die Panik folgt der Crash, wenn hochverschuldete Investoren ihre Kredite nicht mehr bedienen können, weil ihre Investitionsobjekte zu sehr an Wert verloren haben.
Oft ist es harmlos, wenn solche Blasen platzen: Ein paar unglückliche Leute verlieren Geld, ein paar Firmen gehen pleite, das Leben geht weiter. Doch wenn ein Crash andere Wirtschaftssektoren oder Länder „anzustecken“ droht, gilt es das zu verhindern, damit nicht das ganze Wirtschaftssystem in den Abgrund gerissen wird. Seine Anleitung dafür entwickelte Kindleberger aus einem Fall, in dem das seiner Ansicht nach misslang: der großen Weltwirtschaftkrise der dreißiger Jahre, die auf den Zusammenbruch des amerikanischen Aktienmarkts im Jahr 1929 folgte. Als „Suche nach der verlorenen Zeit“ bezeichnete Kindleberger seine Geschichte dieser Krise, die er selbst miterlebt hatte.

Auch Europas Krisenmanagement krankt an politischen Konflikten

Besonders eine Frage trieb ihn um: Warum war die wirtschaftliche Depression so außerordentlich tief, und warum dauerte es so lange, sie zu überwinden? Kindlebergers unter Ökonomen nicht unumstrittene Antwort: Verantwortungslosigkeit. Keines der Länder, die dazu in der Lage gewesen wären, fühlte sich in den dreißiger Jahren für die Stabilität des Weltwirtschaftssystems verantwortlich. Aber um zu verhindern, dass das gesamte Wirtschaftssystem zusammenbricht, ist genau das Kindlebergers Ansicht nach notwendig: Die wirtschaftliche Führungsnation muss Märkte in den von der Krise betroffenen Branchen aufrechterhalten, die Fiskalpolitik koordinieren und im Notfall als Kreditgeber der letzten Instanz agieren, also Wertpapiere und Forderungen aufkaufen, wie es zum Beispiel in der jüngsten Finanzkrise die amerikanische Notenbank getan hat. Insbesondere bei der letzten Aufgabe forderte Kindleberger Fingerspitzengefühl: Investoren dürften nicht glauben, man werde sie immer herauspauken.
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Doch in den dreißiger Jahren übernahm kein Land diese Aufgabe. Großbritannien hatte die Rolle jahrzehntelang innegehabt. Doch nun kämpften die Briten mit einem zerfallenden Weltreich und waren nicht mehr dazu in der Lage. Die Vereinigten Staaten hätten zwar die wirtschaftliche Kraft gehabt, scheuten aber die politischen Konflikte, die sich aus dem Krisenmanagement ergeben hätten, etwa eine Verhandlung über den weitgehenden Erlass von Kriegsschulden und Reparationen. Also brach das instabile internationale Finanzsystem zusammen, mit den bekannten schlimmen Folgen.
Kindlebergers Analyse ist in den Augen vieler Kommentatoren hochaktuell: Auch im heutigen Europa krankt das Krisenmanagement an politischen Konflikten. Und wenn amerikanische Ökonomen fordern, Deutschland müsse ein Konjunkturprogramm auflegen, um die Folgen der Euro-Krise abzumildern, erinnert das an Kindlebergers Mahnung an die wirtschaftlich führende Nation, ihrer Verantwortung für das Wirtschaftssystem gerecht zu werden.

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