NegativzinsenAngriff auf die Sparer
Die Banken geben die Strafzinsen der Europäischen Zentralbank an ihre Kunden weiter. Wer gedacht hat, als kleiner Sparer ungeschoren davonzukommen, hat sich gehörig getäuscht. Denn die Banken kennen einige Tricks.
23.11.2014, von CHRISTIAN SIEDENBIEDEL
Ein Volk ist fassungslos. In einem Land, das seit den Tagen Luthers die Sparsamkeit zum Ideal erhoben hat, wird Sparen auf einmal bestraft. Ordnung, Fleiß und Sparsamkeit: diese drei waren vielen Deutschen sogar wichtiger gewesen als Glaube, Liebe, Hoffnung. Doch jetzt wird der Zins, der treue Lohn des Sparers, auf einmal negativ – und damit gleichsam zu einer Strafe für mangelnde Ausgabenfreude. Eine Nationaltugend wird zur Farce. Anfangs schien es, als träfe es nur einige wenige. Jetzt zeigt sich: Die Tricks der Banken kennen keine Grenzen.
Fünf Monate ist es jetzt her, dass Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, in der Eurozone Strafzinsen für Banken einführte, die Geld bei der Zentralbank deponieren wollen. Erst minus 0,1, dann minus 0,2 Prozent. Spätestens seit der vergangenen Woche ist klar: Die Banken geben diese Kosten weiter – die Last tragen am Ende alle, die Geld sparen.
Zuerst traf es vor allem die Unternehmen und die sehr Vermögenden unter den Bankkunden. Es war wie beim Domino: Eine Bank nach der anderen gab bekannt, dass sie Geld dafür verlangt, dass Kunden große Summen bei ihr deponieren dürfen. Allerdings: „Strafzinsen“ nennen die Banken das nicht so gern. Das ist so ein hässliches Wort. Die Commerzbank beispielsweise spricht lieber von „Guthabengebühren“. Das klingt nett, nach einem kleinen Obolus für die sichere Verwahrung von Geld im Tresor.
Sparda-Bank macht es vor
Wer gedacht hat, als kleiner Sparer womöglich ungeschoren davonzukommen, hat sich gehörig getäuscht. Hans-Peter Burghof, Bankenprofessor in Stuttgart, hatte schon gleich nach Mario Draghis Entscheidung für negative Zinsen gewarnt: „Die Banken werden alles tun, was in ihrer Möglichkeit steht, um die negativen Zinsen, die sie selbst zahlen, an ihre Kunden weiterzugeben.“ Genau das passiert im Augenblick.
Berlin, Storkower Straße im Stadtteil Prenzlauer Berg: Hier hat die Sparda-Bank Berlin ihren Sitz. Die Spar- und Darlehenskasse – das war klassischerweise stets ein Beleg dafür, dass es das noch gibt: ehrliches Banking. Die Bank, einst von Eisenbahnern gegründet, war vor allem für ihr kostenloses Girokonto beliebt. Dazu gab es gratis eine EC-Karte. Und auch für die Kreditkarte verlangte sie niedrige Gebühren.
Fast gleichzeitig mit den Nachrichten aus der Commerzbank bekamen nun auch die Kunden der Sparda-Bank eine Mitteilung. Weil die Bank von den Kunden keine Negativzinsen verlangen wolle, erhöhe sie jetzt die Gebühren. Das gebührenfreie Girokonto gibt es fortan nur noch für Genossenschaftsmitglieder mit regelmäßigem Gehaltseingang. Die Bankkarte kostet nun extra. Und die Kreditkarte wird teurer. „Als Genossenschaftsbank sind wir unseren Mitgliedern gegenüber verpflichtet, kostendeckend zu wirtschaften“, begründete eine Banksprecherin den Schritt.
Gebührenerhöhung statt Negativzins
Dabei war es ausgerechnet der Chef des Sparda-Banken-Verbands gewesen, der im Frühjahr vollmundig erklärt hatte: „Unseren Sparkunden sind Minuszinsen nicht begreiflich zu machen. Die schwäbische Hausfrau steht kopf, wenn sie fürs Sparen zahlen muss.“
Und jetzt das. Es ist offenkundig: Wo die Banken sich nicht trauen, formal negative Zinsen auf Konten zu erheben – da drehen sie an der Gebührenschraube.
So ähnlich soll es in Dänemark gewesen sein, als die Notenbank einmal negative Leitzinsen einführte. Das Ziel war damals in der Euro-Krise, die Flucht in die dänische Krone zu stoppen. Die dänischen Banken führten daraufhin zwar keine negativen Zinsen für Privatanleger ein – zu groß war die Angst, dass die Leute die Schalter stürmen, um ihr Geld daheim unterm Kopfkissen zu verstecken. Aber verzichteten deshalb die Bankvorstände auf einen Teil ihres Gehalts, um die höheren Kosten auszugleichen? Weit gefehlt. Stattdessen erhöhten die Banken für ihre Kunden die Gebühren, und zwar an allen möglichen Stellen.
Eine passende Beobachtung machte Max Herbst von der FMH-Finanzberatung, der die Bankenzinsen intensiv beobachtet. Negative Zinsen auf Tages- und Festgeld für Privatanleger hat bislang keine Bank bei ihm gemeldet. „Aber immer mehr Banken bieten bestimmte Produkte einfach nicht mehr an, wenn sie keine Spareinlagen mehr wollen.“ Da steht dann nicht: Die Bank nimmt jetzt negative Zinsen für Tagesgeld und Festgeld auf ein Jahr. Sondern da gibt es dann einfach kein Angebot mehr für diese Laufzeiten. Und bei Festgeld auf zwei Jahre bietet die Bank nur Mini-Zinsen: „Nach Inflation verliert der Sparer dann auch da.“
Run auf Bargeld droht
Die Bundesbank dürfte in den nächsten Monaten sehr aufmerksam verfolgen, ob es schon zu vermehrten Bargeldabhebungen kommt. So ähnlich war es schließlich 2008 in der Finanzkrise gewesen, als 500-Euro-Scheine bei vielen Banken auf einmal weggingen wie noch nie. Die Bürger deckten sich mit Bargeld ein, weil sie den Banken nicht trauten. Und die Banken orderten viele große Scheine, weil sie Angst vor einem Sturm durch die Bürger hatten.
Jetzt könnte es eine größere Nachfrage nach Bargeld geben: Wenn die Leute befürchten, bald negative Zinsen auf ihre Sparguthaben zahlen zu müssen. Und Teile ihres Vermögens lieber abheben. „Es wird eine Schwelle bei den negativen Zinsen geben, ab der Privatleute so reagieren“, meint Bankenexperte Burghof. In Amerika hatten Ökonomen wie Larry Summers und Kenneth Rogoff tatsächlich laut darüber nachgedacht, ob man das Bargeld abschaffen sollte – um den Menschen die Möglichkeit zu nehmen, den negativen Zinsen zu entgehen.
Das alles ist genauso ungeheuerlich, wie es klingt. „Wenn die Zinsen negativ werden, kommt man in ein problematisches Terrain“, formuliert es der Münchener Ökonom Hans-Werner Sinn mit vornehmer Zurückhaltung. Schließlich ist der Zins noch viel mehr als nur die Belohnung für fleißiges Sparen. Er ist die zentrale Stellschraube der Wirtschaft.
Stellschraube der Wirtschaft in Gefahr
Der Zins bringt nicht nur bei Spargeldern Angebot und Nachfrage in Einklang, sondern auch bei Investitionen und dem dafür benötigten Kapital. Anhand des alternativen Zinses auf ihrem Bankkonto vergleichen Unternehmer, welche Investitionen in Fabriken und Maschinen sich für sie lohnen und welche nicht. Außerdem entscheidet sich am Zins, ob es besser ist, sein Geld im Inland anzulegen oder im Ausland.
Vor allem aber ist der Zins das geheimnisvolle Bindeglied zwischen Ausgaben in der Zukunft und Ausgaben in der Gegenwart. Er ist der Maßstab für „intertemporale Entscheidungen“, wie es die Ökonomen nennen. Im Zins steckt der Preis der Zeit. Die Folge: Wenn der Zins negativ wird, kehrt sich das Entgelt für das Warten um in einen Lohn der Ungeduld.
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Der berühmte Ökonom Irving Fisher soll das angeblich einmal während einer Massage erklärt haben. Der Masseur erzählte ihm beiläufig, er sei ein Sozialist und glaube, der Zins sei „die Grundlage von Kapitalismus und Räuberei“. Fisher wartete ein Weilchen, dann fragte er: „Wie viel schulde ich Ihnen?“ Der Masseur: „30 Dollar.“ Darauf Fisher: „Sehr gut. Ich werde ihnen einen Schuldschein geben, der in 100 Jahren fällig wird. Sie werden ja nichts dagegen haben, ihn ohne Zinsen zu nehmen, dann können Sie oder wohl eher Ihre Enkel ihn nach Ablauf dieser Frist einlösen.“ Der Masseur wandte ein: „Aber ich kann es mir nicht leisten, so lange zu warten.“ Fisher entgegnete: „Sie sagen, Zins sei Räuberei. Wenn das stimmt, müssten Sie bereit sein, unbegrenzt auf das Geld zu warten. Wenn Sie zehn Jahre auf das Geld warten sollten, wie viel würden Sie verlangen?“ Jetzt antwortete der Masseur: „Nun, ich müsste mehr bekommen als 30 Dollar.“ Fisher war zufrieden: „Das ist Zins.“


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