Schwache KreditnachfrageKäufe von Staatsanleihen durch die EZB erwartet
Die Europäische Zentralbank will mehr Staatsanleihen kaufen, so eine weitere Billion Euro ins System pumpen und damit die Kreditnachfrage ankurbeln. Kritiker bezweifeln, ob das gelingen wird.
05.11.2014, von DANIEL MOHR
Die Europäische Zentralbank (EZB) wird im nächsten Jahr in größerem Umfang Staatsanleihen kaufen. „Sie wird das Anfang 2015 beschließen müssen, wenn sie wie geplant eine weitere Billion Euro ins System pumpen will“, sagte Sintje Boie, Anleiheanalystin der HSH Nordbank auf einer Presseveranstaltung des Bundesverbandes Öffentlicher Banken (VÖB). Mit dem Kauf von Unternehmensanleihen, Pfandbriefen und verbrieften Wertpapieren (ABS) allein werde sie nicht auf diese Summe kommen. „Vor allem die Märkte für ABS und Pfandbriefe sind nicht tief genug, um solche Summen investieren zu können.“
Mehr zum Thema
- Wie professionelle Anleger auf Mini-Zinsen reagieren
- Bankenaufsicht: Die neue Machtfülle der EZB
- Wochenausblick: Börsen vor der Woche der Wahrheit
- Passive Anlagestrategien: Indexfonds sind nicht ganz so einfach
Boie sieht für die EZB jedoch erhebliche Schwierigkeiten. „Sie will mit dem Geld die Kreditnachfrage ankurbeln, da diese aus Sicht der EZB für die Wachstumsschwäche in der Eurozone verantwortlich ist.“ Doch die Kreditvergabe sei vor allem rückläufig, weil die Nachfrage nach Krediten schwach sei. „Das beruht auf einer geringen Investitionstätigkeit und damit auf einem Mangel an Vertrauen“, sagt Boie. „Die EZB weiß, dass sie mit ihren Maßnahmen gegen diesen Vertrauensmangel nichts machen kann.“ Dass sie dennoch diese Politik verfolgt, liege vor allem an dem Ziel, die Zinsen weiter sinken zu lassen und auch den Euro zu schwächen, um so die Wettbewerbsfähigkeit des Euroraums zu erhöhen.
Kritik an den EZB-Maßnahmen
Auch die Dekabank geht davon aus, dass die Maßnahmen der EZB ins Leere laufen und nicht für eine deutlich belebtere Kreditvergabe sorgen. In einem Land wie Italien verhindere zum Beispiel die aktuell schlechte Kreditqualität und die Aussicht auf eine strengere Bankenaufsicht durch die EZB eine Lockerung der Kreditkonditionen. Die Nord LB rechnet mit dem Beschluss zu Käufen von Staatsanleihen im Frühjahr 2015. Zunächst werde wohl eine gutachterliche Stellungnahme am Europäischen Gerichtshof abgewartet, der sich mit der Rechtmäßigkeit eines früheren Kaufprogramms für Staatsanleihen befasst (OMT). Sehr wahrscheinlich sei, dass die Richter der EZB einen hohen Ermessensspielraum zubilligen werden.
© F.A.Z.
Für bedeutsamer als die Höhe des Kaufprogramms hält Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater die Erkenntnis der begrenzten Handlungsfähigkeit der EZB. „Sie wird von anderen Politikbereichen überhaupt nicht unterstützt und der offenkundige Streit innerhalb der EZB kann zu einem großen Glaubwürdigkeitsschaden führen.“ Über die aktuelle Debatte über negative Zinsen auch für Privatanleger dürfe sich die EZB zudem nicht wundern. „Negative Einlagenzinsen sind kein effektives Mittel der Geldpolitik“, sagt Kater. „Die EZB sollte sie daher auch für Banken bald wieder zurücknehmen.“
Unverändert niedriges Zinsniveau für die Zukunft
Während die Fachleute in Europa angesichts der Wirtschaftsschwäche auf lange Sicht von unverändert niedrigen Zinsen ausgehen, erwarten sie für die Vereinigten Staaten bald die ersten Zinserhöhungen. Die Helaba rechnet damit schon im März 2015 und damit früher als der Marktdurchschnitt. Ende 2015 könnte der Leitzins 1,5 Prozent betragen, 3 Prozent dann Ende 2016. Die LBBW rechnet im ersten Halbjahr 2015 mit dem ersten Zinsschritt.
Die Umschichtung von Geld aus deutschen Staatsanleihen nach Amerika könne hiesige Papiere unter Druck setzen. Die LBBW sieht eine Bundesanleihe mit zehn Jahren Laufzeit in einem Jahr daher auf eine Rendite von 1,5 Prozent steigen. Die HSH Nordbank sieht sie eher nahe ihres aktuellen Niveaus von 0,8 Prozent verharren, die DZ Bank sogar zeitweise auf 0,5 Prozent fallen. Der Euro wird meist leicht schwächer eingeschätzt mit Kursen um 1,20 Dollar. Aktuell sind es rund 1,25 Dollar.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen