Gesamtzahl der Seitenaufrufe

Donnerstag, 13. November 2014

Maschmeyer und Schröder Beim Geld beginnt die Freundschaft Der frühere AWD-Chef Carsten Maschmeyer hat Gerhard Schröder die Rechte an dessen Memoiren abgekauft. Für zwei Millionen Euro. Dahinter steht gnadenloses Netzwerken und ein gutes Gespür für politische Karrieren - unabhängig vom Parteibuch.

Maschmeyer und SchröderBeim Geld beginnt die Freundschaft

Der frühere AWD-Chef Carsten Maschmeyer hat Gerhard Schröder die Rechte an dessen Memoiren abgekauft. Für zwei Millionen Euro. Dahinter steht gnadenloses Netzwerken und ein gutes Gespür für politische Karrieren - unabhängig vom Parteibuch.

© DAPDVergrößernNicht nur Sportsfreunde: Schröder und Maschmeyer im April 2007 bei einem Spiel von Hannover 96 auf der Tribüne
Nach allem, was man weiß, haben Ursula von der Leyen und Carsten Maschmeyer keine gemeinsame Leiche im Keller, also ein Geheimnis, das im beiderseitigen Interesse besser ein solches bleiben sollte. Aber es gibt Hinweise, dass sie zumindest eine gemeinsame Leiche auf dem Tisch hatten. Das soll während des Medizinstudiums im Anatomiekurs gewesen sein. Jedenfalls erinnerte sich der mit dem Finanzunternehmen Allgemeiner Wirtschaftsdienst (AWD) reich gewordene Niedersachse Maschmeyer kürzlich in einem Interview so an seine Vergangenheit. Von der Leyen, die Tochter des niedersächsischen Ministerpräsidenten, studierte in Hannover. Für einen Netzwerker wie Maschmeyer war das eine gute Gelegenheit und Grund genug, sie in den Blick zu nehmen.
Über Maschmeyers Künste, Netzwerke herzustellen und zu pflegen, ist vieles Geschrieben worden. Im Droemer Verlag ist jetzt ein Buch erschienen, das dieses Bild vertieft, das beschreibt, wie der Mann Beziehungen zum späteren Kanzler Gerhard Schröder, zum späteren Bundespräsidenten Christian Wulff, aber eben auch zu Albrecht und von der Leyen aufbaute.
Mehr zum Thema
Das Buch lebt davon, Maschmeyer zu zitieren. Eher selten aus Interviews, dafür aber ausführlich aus Mails, Briefen, Mitteilungen ans Finanzamt. Angeblich sind es Tausende persönliche, firmeneigene und juristische Dokumente, eine Liste mit 240 000 Namen von AWD-Kunden, die nach Auskunft der Autoren ausgedruckt 9000 Seiten umfasst. Mehrere sogenannte Whistleblower sollen geliefert haben. Der Horror für jeden Verfasser der durchgesteckten Dokumente. Eine Goldgrube für denjenigen, der sie zugesteckt bekommt. Edward Snowden lässt grüßen.
Dass Maschmeyer enge, wie man hört freundschaftliche Beziehungen zu den beiden ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder von der SPD und Christian Wulff von der CDU unterhielt, ist bekannt. Der Mann hat offenbar ein sehr feines Näschen. Schröder und Wulff stiegen auf nach ganz oben, der eine wurde Bundeskanzler, der andere Bundespräsident. Doch Maschmeyer legte sein Netz viel weiter aus.

„Politische Schiene hervorragend abgedeckt“

Schließlich war auch Ursula von der Leyens Vater Ernst Albrecht, ein CDU-Mann, einmal niedersächsischer Ministerpräsident und eine sehr bekannte Größe im Lande. Im Jahr 1997, Albrecht war schon lange nicht mehr Regierungschef, soll es gewesen sein, dass Maschmeyer auch den Vater der heutigen Ministerin für seine Interessen gewinnen konnte. Zitiert wird aus einem Brief Maschmeyers an seinen Freund Jean-Remy von Matt, den Besitzer einer Werbeagentur, nachdem es gelungen war, Ernst Albrecht zum Eintritt ins Kuratorium der AWD-Kinderhilfe zu bewegen: „Mit Herrn Dr. Albrecht, dem ehemaligen MP (Ministerpräsident, d.Red.) von Niedersachsen, ist die politische Schiene hervorragend abgedeckt“, schrieb Maschmeyer. Verwerflich ist daran nichts. Es belegt schlicht die Fähigkeit, Politiker für die eigenen Zwecke zu gewinnen.
Ernst Albrecht als Ehemaliger war natürlich nicht mehr der wichtigste Ansprechpartner für Maschmeyer. Nach der Jahrtausendwende zeichnete sich ab, dass dessen Tochter Ursula von der Leyen politisch Karriere machen könnte. Ein Mittagessen im Dezember 2001 mit Christian Wulff, der zum wiederholten Mal Anlauf nahm, um endlich Ministerpräsident zu werden, bestärkte Maschmeyer in dieser Annahme. Bei der niedersächsischen Landtagswahl im Februar 2003 gewann Wulff und machte von der Leyen zur Landesministerin. „Ganz begeistert“ sei er, schrieb Maschmeyer an die ehemalige Mitstudentin von der Leyen. In seinem Schreiben benutzte er allerdings Formulierungen, wie er sie in Briefen an Wulff und Schröder schon verwandt hatte.

Kontakte von großem Wert

Maschmeyers Unternehmen machte sein Geld mit Finanzanlagen und Versicherungen. Kontakte einer Ministerin zum Verband der privaten Krankenversicherungen waren von großem Wert für ihn. Offenbar war die Verbindung zwischen ihm und von der Leyen nicht schlecht. Im Oktober 2004 schrieb der Finanzunternehmer an die niedersächsische Gesundheitsministerin von der Leyen: „Nochmals vielen herzlichen Dank, dass Du den Gesprächstermin mit der Verbandsspitze der privaten Krankenversicherung ermöglicht hast.“
Man hilft, wo man kann. Die Buchautoren zitieren aus einem Fragebogen, den von der Leyen für eine Zeitung ausgefüllt hat. Was sie mit einer Million Euro machen würde, wenn sie ihr zur Verfügung stünden, wurde sie gefragt. Ausbildungsversicherungen für die sieben Kinder abschließen, antwortete von der Leyen. Und „die AWD-Kinderhilfe unterstützen“. Maschmeyer kommentierte per Brief, diese Antwort habe ihm „besonders gut gefallen“. Auch bei von der Leyen bewies er ein gutes Gespür. Mittlerweile führt sie als Verteidigungsministerin das dritte Bundesministerium, ist fester Bestandteil des Machtapparates von Angela Merkel und gilt als mögliche Anwärterin auf deren Nachfolge.

Kämpfertypen mit unbändigem Willen

Doch die eigentliche Geschichte ist nicht Maschmeyer und von der Leyen. Die eigentliche Geschichte ist die von Maschmeyer und Schröder. Beide sind Kämpfertypen mit unbändigem Willen, nach oben zu kommen. Maschmeyer wird reich, Schröder wird mächtig. Er verdient als Bundeskanzler allerdings nicht annähernd in den Dimensionen seines Unternehmerfreundes. Die beiden sind Duzfreunde, die auch private Zeit miteinander verbringen, Partner eingeschlossen.
Im Jahr 2001 wurde die Riester-Rente eingeführt, also eine private, zusätzliche Alterversorgung. Für einen Finanzvertrieb ein wichtiges Ereignis. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wurde Maschmeyer im Dezember vergangenen Jahres die Aussage seiner Kritiker entgegengehalten, die rot-grüne Bundesregierung unter Schröder habe die Riester-Rente eigens erfunden, um AWD „zu mästen“. Maschmeyer wies das zurück. „Früher bin ich auf so einen Blödsinn noch eingestiegen, wenn mit einigen die Phantasie durchgegangen ist“, sagte er. Das mache er aber schon lange nicht mehr. Er habe Schröder und Bundesarbeitsminister Walter Riester, nach dem die Rente benannt ist, „bewiesenermaßen“ erst viel später kennengelernt. Eine Sprecherin Maschmeyers sagt heute, nur drei Prozent aller Riester-Verträge seien durch AWD vermittelt worden.
Immerhin hatte Maschmeyer Schröder schon mit einer Anzeigenkampagne auf dem Weg unterstützt, Bundeskanzler zu werden. Davon erfuhr Schröder allerdings erst später. Das war Ende der neunziger Jahre. Liest man jedoch nach, was die Stern-Redakteure Wigbert Loer und Oliver Schröm in ihrem Buch über Maschmeyer schreiben, so wird deutlich, wie intensiv sich dieser für Veränderungen bei der Riester-Rente gegenüber Schröder ins Zeug legte. Ende Februar schrieb Maschmeyer an Schröder, die Förderrente sei der richtige Schritt in die kapitalgedeckte zusätzliche Altersvorsorge, und „die meisten für ein Altersvorsorgeprodukt notwendigen Bestimmungen sind auch völlig richtig“. Doch sei das Instrument zu kompliziert geraten. Daher seien „die vielen Vermittler von Versicherungen, Bausparkassen und Finanzdienstleistern“ erforderlich, um die Menschen zum Kauf einer Riester-Rente zu bewegen.

Maschmeyers Wünsche minutiös dokumentiert

Maschmeyer konnte sich Hoffnungen machen, Zugang zu den Fachleuten es Kanzleramtes zu bekommen. „Unsere Experten werden sich an Ihren Verwaltungsdirektor, Herrn Dr. Achim Bertuleit, wenden, um die genauen spezifischen Probleme zu erörtern“, schrieb der Finanzunternehmer an den Bundeskanzler. Bertuleit war für die Rentenpolitik im Kanzleramt zuständig. Allerdings passten Maschmeyers Wünsche offenbar gut zu denjenigen des Bundeskanzlers. Im Juni 2003 schrieb Maschmeyer in einem Brief, der an Schröders Privatadresse geschickt wurde, er komme gerne dem Wunsch Schröders nach, einen „pragmatischen Vorschlag zu formulieren, Millionen von Bundesbürgern von den Vorteilen der Riester-Rente zu überzeugen“.
Die Buchautoren dokumentieren minutiös, wie Maschmeyer Schröder und dessen Mitarbeiter immer wieder in AWD-Angelegenheiten um Hilfe bittet. Für einen Kongress seines Unternehmens im Februar 2004 in London suchte er einen prominenten Gastredner. Als klar war, dass Schröder selbst nicht kommen würde, bat Maschmeyer das Büro des Kanzlers so lange um Hilfe, bis sich ein Ersatz gefunden hatte. Im Dezember 2004 war es dann endlich so weit. Schröder selbst sprach im Berliner Hotel Estrel vor 2000 AWD-Vertriebsmitarbeitern und lobte diese. Sie hätten eine „staatsersetzende Funktion“, weil sie ihren Mandanten eine Rente sicherten.

Ein Geschäft mit dem früheren Kanzler

Dass Unternehmer sich an Politiker wenden, um ihre eigenen Interessen zu befördern, ist nicht ungewöhnlich. Es ist auch nicht automatisch verwerflich, denn jede Regierung hat ein selbstverständliches Interesse daran, dass es der Wirtschaft im eigenen Lande gut geht. Der Ruf von Schröders Nachfolgerin Angela Merkel beruht zu nicht geringem Teil auf der soliden Wirtschaftslage in Deutschland. Dass die eine Seite also von der anderen weiß, was wichtig und was möglich ist, ist eine Voraussetzung für das gute Funktionieren des Gemeinwesens. Problematisch wird die Sache, wenn private Interessen des mit einem Mandat der Wähler ausgestatteten Politikers hinzukommen. Damit sind nicht Duz-Verhältnisse gemeint und auch nicht ins private reichende Freundschaften oder gemeinsame Abendessen außerhalb der Diensträume.
In dem erwähnten Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wurde Maschmeyer nach der Passage über die Riester-Rente daran erinnert, dass er Schröder die Rechte an dessen Memoiren abgekauft habe. Das war schon etwas anderes als ein privates Abendessen oder guter Wein, besonders angesichts der in Rede stehenden Summe, die der Finanzmann dem Politiker bot. Auch wenn Maschmeyer eine Verquickung zwischen diesem Vorgang und Schröders Umgang mit der Riester-Rente als „Humbug“ abtat, bestätigte er erstmals offiziell sein Geschäft mit dem Freund und früheren Kanzler: „Dass ich für eine Million die Rechte erworben habe, ist bekannt, aber das war für mich ein Geschäft.“ Mit Vorabdrucken, Auslandsversionen und Folgeauflagen sei es sogar ein „sehr gutes“ Geschäft gewesen.

Nutzungsüberlassung für über zwei Millionen Euro

Selbst bei optimistischer Berechnung wäre es nicht leicht gewesen, mit dem Verkauf der Schröder-Erinnerungen eine Million Euro zu verdienen. Es ging aber um die doppelte Summe. Die Buchautoren zitieren umfassend aus der „Bestätigung über Vertrag betreffend die Nutzungsrechte“ an Schröders Erinnerungen, die Maschmeyer dem Finanzamt Hannover 2007 zuschickte. Darin heißt es: „Für die vorstehend beschriebene Nutzungsüberlassung hat Herr Maschmeyer an Herrn Schröder einen Vorschuss in Höhe von EUR 2.016.380,37 (inkl. USt) gezahlt.“
Vereinbart wurde zudem eine Regelung für den Fall, dass das Buch durch seinen Verkauf noch mehr Geld einspielen sollte als die Höhe des Vorschusses. Von jedem weiteren Euro stehen Schröder 80 Cent zu, Maschmeyer 20. Ein verdammt guter Deal für den ehemaligen Kanzler. Eine Sprecherin Maschmeyers tat die Differenz zwischen der von Maschmeyer öffentlich genannten und der mit Schröder vereinbarten Summe ab. Schröder habe eine Million Euro erhalten sollen. Dafür hätten eben unter Berücksichtigung der Steuern zwei Millionen gezahlt werden müssen. Ob Maschmeyer so noch ein „sehr gutes“ Geschäft gemacht hat, darf allerdings bezweifelt werden. Den Verlag der Schröder-Memoiren hatte Maschmeyer gebeten, seine Rolle „im Rahmen des Möglichen diskret“ zu behandeln.
Mindestens so wichtig wie die Summe, die gezahlt wurde, ist jedoch der Zeitpunkt, zu dem das Geschäft vereinbart wurde. Als schließlich, Schröder war längst nicht mehr Kanzler, ein Verlag für die Memoiren gefunden war, schrieb Maschmeyer den jetzt veröffentlichten Dokumenten zufolge an seinen Medienanwalt Matthias Prinz. „Nur Deinen Kontakten, Deinem Know-how und Deiner Kreativität war es zu verdanken, dass man diese zwischen dem Autor und mir schon im August per Handschlag getroffene Vereinbarung nunmehr auch in Schrift und Form ratifizieren konnte.“ Das war Mitte des Jahres 2006. Somit ist klar, dass Maschmeyer nur den August 2005 gemeint haben konnte. Da war Gerhard Schröder noch Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Auf die an sein Büro gerichtete Frage der F.A.Z., ob es sich so verhalten habe, antwortete dieses, es werde dazu keinen Kommentar abgeben. Die Sprecherin Maschmeyers konnte sie ebenfalls nicht beantworten. Maschmeyer selbst saß am Donnerstag im Flugzeug. Er war auf dem Rückweg aus den Flitterwochen. Die Spitzen der SPD, aber auch der Union gingen am Donnerstag in der Hauptstadt in Deckung. Niemand wollte sich zu dem Vorgang äußern.

Keinerlei Scheu

Carsten Maschmeyer war es offenbar egal, welches Parteibuch diejenigen hatten, deren Nähe er suchte. CDU-Mann Christian Wulff gehörte definitiv dazu. Auch ihn schien Maschmeyer für hilfreich zu halten. Im Jahr 2005 hatte er den damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten dafür gewinnen können, am 12. Oktober des Jahres vor einem kleinen Kreis in der AWD-Zentrale zu sprechen. Investoren und Aktienanalysten von Großbanken sollten kommen. Der Gastgeber wusste genau, was er von seinem prominenten Redner wollte. „Es wäre äußerst hilfreich, wenn Du die Notwendigkeit der privaten Vorsorge in Deutschland darstellen könntest“, schrieb Maschmeyer an Wulff.
Der Mann aus der Finanzwelt hatte offenbar keinerlei Scheu, Wulff Bitten zu übermitteln, die schon eher als Aufträge daherkamen. Es war im April 2006, als sich Maschmeyer kurz vor einer Sitzung des CDU-Präsidiums mit der Anrede „sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Christian“ an Wulff wandte. Das CDU-Präsidium werde über eine Gesundheitsreform diskutieren, schrieb Maschmeyer. Er fürchtete „langfristig katastrophale Auswirkungen auf das gesamte Gesundheitssystem“, wenn eine Bürgerversicherung eingeführt werden sollte. Maschmeyer wollte Wulff von einem vertraulichen Papier des Vorsitzenden des Verbands der privaten Krankenversicherungen in Kenntnis setzen. „Es würde mich sehr freuen, wenn Du die Zeit fändest, diese Unterlage noch vor der Sitzung zu lesen“, schrieb Maschmeyer an Wulff.
Ob dieser der Empfehlung nachkam, ist nicht überliefert.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen