Putins diskrete Nordkorea-Offensive
Die Visapflicht soll fallen, Staatsunternehmen investieren Milliarden Dollar: Wladimir Putin treibt die Partnerschaft mit Nordkorea voran. Die Geschäfte in Asien sollen Russland unabhängiger machen vom Westen - und Pjöngjang friedlich stimmen.
Als Russland im Februar die Olympischen Winterspiele in Sotschiausrichtete, blieben viele ausländische Politiker lieber fern, darunter auch die Bundeskanzlerin. Im Reigen der Absagen ging unter, dass ein besonderer Besucher dagegen sehr gerne kam: Bei der Eröffnungsfeier nahm Kim Yong-Nam im Olympiastadion Platz. Er ist der Vorsitzende der Obersten VolksversammlungNordkoreas und damit die Nummer zwei des Landes - sofern man das angesichts der undurchsichtigen Machtverhältnisse in Pjöngjang so genau sagen kann.
Es war allerdings weniger das sportliche Interesse, das den Gast aus Nordkorea nach Russland geführt hatte: Kim Yong-Nam kam in Sotschi mit Präsident Wladimir Putin zusammen und sprach über die "Entwicklung der traditionellen Geschäftsbeziehungen" zwischen der Volksrepublik und Russland.
Diese Entwicklung verläuft in diesen Zeiten geradezu stürmisch, zumindest für koreanisch-russische Verhältnisse. Russische Unternehmen sollen dabei helfen, Nordkoreas marode Wirtschaft zu modernisieren, bereits seit Jahren sondieren sie Investitionsmöglichkeiten in Nordkorea. Bald könnte ihnen das noch leichter fallen: Moskau und Pjöngjang verhandeln über die Abschaffung der Visumspflicht.
Moskau hat seine Kontakte mit dem stalinistischen Regime in den vergangenen Jahren weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit im Westen intensiviert. Im Mai unterschrieb Präsident Putin einen Erlass zu Gunsten Pjöngjangs: Zehn Milliarden Dollar an Verbindlichkeiten aus Sowjetzeiten hat Moskau damit gestrichen, das entspricht 90 Prozent der Schulden. Den Rest der Summe will der Kreml direkt wieder in Nordkorea investieren.
Eine Schlüsselrolle bei der Korea-Offensive spielt die staatliche Eisenbahn
Das Unternehmen hat bereits einen alten Schienenstrang in Stand gesetzt, er führt über 50 Kilometer von der russischen Grenzstadt Chassan nahe Wladiwostok zum nordkoreanischen Hafen Rajin. Das aber soll nur der Anfang sein für ein noch ehrgeizigeres Projekt. Insgesamt sollen 3.000 Gleiskilometer erneuert werden, die Eisenbahngesellschaft will auch eine Direktverbindung zwischen Russland und Südkorea einrichten. Die Pläne tragen den Projektnamen "Pobeda - Sieg". Moskauer Experten rechnen mit einem Investitionsvolumen von rund 25 Milliarden Dollar. Eine enorme Summe, bedenkt man, dass das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern pro Jahr gerade einmal 112 Millionen Dollar beträgt.
Doch Pjöngjang und Moskau verhandeln bereits seit langem über eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit:
So modernisiert die Moskauer Konzerngruppe Trest gemeinsam mit der nordkoreanischen Regierung eine Erdölraffinerie und ein Stahlkombinat. Der Oligarch Oleg Deripaska soll ein Heizkraftwerk in Pjöngjang in Stand setzen. Der Energieriese Gazprom will eine Pipeline über nordkoreanisches Gebiet nach Südkorea verlegen. Allein die Transitgebühren könnten Pjöngjang bis zu 500 Millionen Dollar pro Jahr in die leeren Staatskassen spülen.
Nordkorea ist politisch isoliert, wirtschaftlich aber stark abhängig von China. Pjöngjang hofft, mit dem russischen Engagement auch ein Gegengewicht zu Pekings wachsenden Einfluss zu schaffen.
Politisch bleiben die Beziehungen schwierig
Für Moskau kommt der Deal mit Nordkorea gerade Recht. Wladimir Putin will im Konflikt mit dem Westen über die Ukraine nicht einlenken und hat angekündigt, sein Land enger an China anzubinden. Nordkorea soll dafür ein wichtiger Brückenkopf werden. Von der Partnerschaft könnte vor allem Russlands strukturschwache und dünn besiedelte Pazifikregion profitieren. Der Kreml hat 2012 ein eigenes Ministerium für die Entwicklung des Gebietes gegründet, Minister Alexander Galuschka reiste im Oktober nach Nordkorea.
Politisch bleiben die Beziehungen zwischen beiden Ländern allerdings schwierig. In Moskau gibt es zwar durchaus Sympathien für das Regime in Nordkorea, dass sich US-Forderungen nach Kontrolle und Einstellungen seines Atomprogramms widersetzt. So schrieb die etwa die liberale Tageszeitung "Nesawissimaja Gaseta", angesichts des Schicksals von Saddam Hussein oder Libyens Machthaber Gaddafi sei Nordkorea ja praktisch "zur Bombe gezwungen".
Der Kreml aber hat sich das nicht zu eigen gemacht. Konfrontation mit dem Westen hin oder her, in Russlands Außenministerium und Geheimdiensten dominiert die Furcht, dass Terroristen Zugriff auf Nuklearmaterial bekommen könnten - oder der Konflikt mit Südkorea gewaltsam eskaliert. Gerade erst wurde bekannt, dass Russland die internationalen Verhandlungen über Pjöngjangs umstrittenes Atomprogramm wieder aufnehmen will.
Vom Ausbau der Wirtschaftskontakte verspricht sich Russland auch eine politische Dividende: Pjöngjang werde weniger aggressiv agieren, wenn es dadurch seine guten Geschäfte gefährden. Oder wie es ein Moskauer Unternehmer mit Geschäftsinteressen in Korea ausdrückt: "Wofür müssen sie noch mit der Bombe wedeln, wenn Russland ihre Sicherheit garantiert?" © SPIEGEL ONLINE











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