Russland und die Schweiz werden keine Trendwende am Goldmarkt herbeiführen. Reuters
LONDON — Für Gold-Fans hätte das Jahr kaum schlechter laufen können. Der Nahe Osten ist wieder ins Chaos verfallen, seit die Terrororganisation IS stärker geworden ist. Russland hat ukrainisches Territorium annektiert, und ein ziviles Flugzeug wurde abgeschossen. Die Weltwirtschaft stagniert, und die Eurokrise lebt wieder auf.
Und was passiert mit Gold, dem Rohstoffstoff, dessen Lebensenergie Chaos und Instabilität sind? Nichts. Seit dem Höchststand bei 2000 Dollar im Jahr 2011 ist der Preis stetig gefallen, bis auf zuletzt 1200 Dollar. Eine Erholung zeichnet sich nicht ab.
Doch Optimisten hoffen, dass Politiker in Europa Abhilfe schaffen. Der russische Präsident Wladimir Putin hortet Gold, da der Kreml sich für einen langen Wirtschaftskrieg mit dem Westen rüstet. Ende November stimmen die Schweizer außerdem über eine teilweise Rückkehr zum Goldstandard ab.
Machtspiele in Europa verpuffen
Beide Nachrichten sollten Musik in den Ohren von Goldinvestoren sein. Das Problem ist, dass keiner dieser Vorgänge wirklich einen Unterschied machen wird.
Russland ist immer noch eine bedeutende regionale Macht, doch wirtschaftlich ist es nicht stark genug, um wirklich einen Unterschied am Markt zu machen. Und auch die Schweizer werden nicht anfangen große Mengen Gold zu kaufen, selbst wenn sie nächste Woche für den Goldstandard stimmen. Der Goldpreis wird eines Tages wieder steigen, doch die Politik, sei es in Russland oder der Schweiz, wird ihn nicht retten.
Die Schweizer haben offensichtlich Spaß daran, die wirtschaftlichen Gepflogenheiten mit Volksabstimmungen zu hinterfragen. In den vergangenen Monaten haben Wähler über eine Einschränkung von Managergehältern, eine Anhebung des Mindestlohns auf das höchste Niveau der Welt und über die Einwanderungspolitik abgestimmt. Am 30. November steht nun das Referendum zur teilweisen Rückkehr zum Goldstandard an.
Zur Abstimmung steht, ob die Schweizer Nationalbank mindestens 20 Prozent ihrer Aktiva in Gold halten muss. Dadurch müsste sie Gold ins Land holen, das sie derzeit im Ausland hält, und wahrscheinlich auch anderes Gold hinzukaufen.
Typischerweise sorgen Schweizer Referenda für viel Aufregung, doch wenn es ernst wird, halten viele Wähler doch lieber am Status Quo fest. Die SNB ist selbst gegen den Vorschlag, was die Entscheidung stark beeinflussen dürfte. Laut der neuesten Umfrageder gfs.bern group sprachen sich 38 Prozent der Befragten für die Initiative aus, 47 Prozent dagegen.
Indes horten auf die Russen Gold. In den letzten zehn Jahren hat Putin die Goldreserven des Landes verdreifacht und hält jetzt etwa 1150 Tonnen. In den vergangenen drei Monaten allein hat das Land laut dem Weltgoldrat 55 Tonnen gekauft. Damit war Russland der größte Käufer auf dem Markt. Putin hat Russland zum Land mit den fünftgrößten Goldreserven gemacht. Jeden Monat gibt er 500 Millionen Dollar für noch mehr Gold aus.
Seine Strategie ist nicht schwer nachzuvollziehen. Putin sieht Gold offenbar als wichtige Waffe im Wirtschaftskrieg gegen den Westen an. Die Sanktionen, die seit seinem Angriff auf die Ukraine in Kraft getreten sind, werden so langsam schmerzhaft, der Rubel fällt und die Wirtschaft stagniert. Putin hofft offenbar, dass seine Goldreserven das russische Finanzsystem stabilisieren können.
Keine Erholung in Sicht
Und trotzdem werden Russland und die Schweiz keine Trendwende am Goldmarkt herbeiführen. Egal, wie sentimental die Schweizer über Gold denken, das letzte was das Land braucht, ist eine Rückkehr zum Goldstandard.
Ein akutes Problem der Schweizer Wirtschaft ist die Stärke des Franken gegenüber dem Euro. Ein Großteil der Schweizer Exporte geht an die Eurozone. Wie auch Großbritannien muss die Schweiz daher mit der Situation zurechtkommen, dass das Land relativ erfolgreich und wohlhabend ist, während die Wirtschaft der Eurozone weiter zu kämpfen hat. Größere Goldreserven würden den Franken nur noch weiter stärken, wenn er eigentlich schwächer werden müsste.
Die Schweizer mögen konservativ sein, aber sie sind nicht zu einer der wohlhabendsten Gesellschaften der Welt geworden, indem sie sich wirtschaftlich unsinnig verhalten. Deshalb wird das Referendum wohl fehlschlagen. Und selbst bei einem Erfolg würde es erst nach einigen Jahren in Kraft treten.
Bei Putin geht es hingegen nicht um die Frage, wie stark Russland ist, sondern wie schwach. Seit der Ölpreis eingebrochen ist, geht es für die Wirtschaft dort abwärts. Das russische Bruttoinlandsprodukt ist kleiner als das von Frankreich und Großbritannien und könnte noch weiter schrumpfen.
Russland kann seine direkten Nachbarn schikanieren, wenn es will. Doch es ist nicht in der Lage, weltweit einen großen Unterschied zu machen – zumindest nicht, solange die Wirtschaft so stark von Öl und Gas abhängig ist. Derzeit gibt es keine Anzeichen dafür, dass Putin frische Ideen hat oder überhaupt nach welchen sucht.
Der Goldpreis wird sich irgendwann wieder erholen. Jede Baisse kommt einmal an ein Ende, so wie auch Bullenmärkte immer wieder einbrechen. Aber Machtspiele in Europa werden keine Trendwende herbeiführen, und jeder, der darauf hofft, dürfte enttäuscht werden.