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Mittwoch, 7. Januar 2015

Das griechische Risiko

Das griechische Risiko

Von Richard Barley (Foto)

6.1.2015 (DJN). Die Eurozone könnte sich die Finger am griechischen Feuer verbrennen. Zwar geben manche Experten Entwarnung und argumentieren, dass der Währungsverbund – anders als in den Jahren 2011 und 2012 – stark genug ist, einen griechischen Euro-Ausstieg zu verkraften. Doch diese Argumentation birgt massive Gefahren in sich. Die anberaumten Parlamentswahlen werden als neuerliches Referendum der Griechen über den Verbleib in Euroland gewertet. Diese Sichtweise überzeichnet wahrscheinlich die Bedeutung der Abstimmung. Selbst die griechische Linkspartei Syriza trommelt nicht für einen Ausstieg. Auch will die Mehrheit der griechischen Wähler die Gemeinschaftswährung beibehalten. Allerdings sollte ein Syriza-Sieg anstehende Verhandlungen mit dem Rest Europas verkomplizieren. Syriza setzt sich entschlossen für einen Schuldenschnitt ein. Sollten beide Seiten bei Verhandlungen auf Kollisionskurs gehen, könnte Griechenland letzten Endes doch aus der Eurozone katapultiert werden. An den Finanzmärkten wird dieses Szenario kaum durchgespielt. Darin unterscheidet sich die momentane Lage von vor einigen Jahren, als Debatten um einen "Grexit" an den Börsen herumspukten. Zwar brachen griechische Anleihen zuletzt kräftig ein. Aber die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen Italiens und Spaniens rangieren erheblich unter 2 Prozent. Selbst Portugal muss aktuell seine Staatsschulden mit weniger als 2,5 Prozent verzinsen. Ansteckungsgefahren sind aktuell Fehlanzeige. Doch der momentane Renditerückgang dürfte in großem Maße der Aussicht auf ein umfassendes Anleiheaufkaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) geschuldet sein. Ein solcher Schritt ist jedenfalls weitaus wahrscheinlicher als ein griechischer Euro-Abschied.
In der Tat sitzt die Eurozone momentan viel fester im Sattel als noch vor drei Jahren. Länder wie Spanien, Portugal und Irland haben ihre Probleme angepackt. Brandschutzmauern wie der Europäische Stabilisierungsmechanismus (ESM) – das Vehikel der Eurozone für Rettungspakete – sind sicher installiert. Die griechische Staatsanleihe-Umschuldung des Jahres 2012 sorgt dafür, dass
kein Ausstieg und Zahlungsausfall das europäische Bankensystem mehr bedrohen. Das Gros der griechischen Schulden befindet sich inzwischen in den Händen der anderen Euro-Mitgliedsländer und des Internationalen Währungsfonds (IWF). Ein griechischer Euro-Abgang würde trotzdem langfristig fundamentale Probleme für den Euro bedeuten. Eine Schlüssel-Maxime der EZB lautet: Der Euro ist unumkehrbar. EZB-Präsident Mario Draghi hatte versprochen, unter den sogenannten Outright Monetary Transactions (OMT) notfalls auch Staatsanleihen aus der Eurozone aufzukaufen. Das Programm basierte auf der Vorstellung, dass an den Märkten irrationale Ängste vor einem Zusammenbruch der Eurozone vorherrschen. Ein griechischer Ausstieg würde einen Präzedenzfall setzen. Wenn ein Land ausscheren kann, könnten das auch die anderen.
Zwar ist der institutionelle Rahmen der Eurozone stärker als früher, aber dennoch bei weitem nicht abgeschlossen. Der politische Wille hat die Gemeinschaftswährung bisher zusammengehalten. Doch neue Parteien, die die Sinnhaftigkeit der Euro-Geldpolitik in Frage stellen, bekommen immer mehr Zulauf. Länder müssten innerhalb der Währungsunion besser aufgehoben sein als außerhalb, fordert Draghi. Doch Italiens Wirtschaft ist beispielsweise seit dem Jahr 2000 real so gut wie nicht mehr gewachsen. Die Arbeitslosenquote verharrt in neun Staaten der Eurozone unnachgiebig bei mehr als 10 Prozent. Die Märkte nehmen das griechische Risiko einigermaßen gelassen. Noch ist die Wahl ja auch rund drei Wochen weit weg. Aber sich in Sicherheit zu wiegen, dass die relative Ruhe anhält, wäre töricht.



Autor 
Richard Barley ist Wirtschaftsjournalist und Reporter bei Dow Jones Newswires.

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