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Samstag, 9. Mai 2015

Militärparade in Moskau Im Rausch der russischen Raketen Der 9. Mai, der „Tag des Sieges“, ist ein Fest „mit Tränen in den Augen“, heißt es in einem russischen Lied. Auf der Siegesparade in Moskau überwiegt aber der Siegestaumel. Weltkriegs- und Ukrainepropaganda gehen Hand in Hand.

Militärparade in MoskauIm Rausch der russischen Raketen

Der 9. Mai, der „Tag des Sieges“, ist ein Fest „mit Tränen in den Augen“, heißt es in einem russischen Lied. Auf der Siegesparade in Moskau überwiegt aber der Siegestaumel. Weltkriegs- und Ukrainepropaganda gehen Hand in Hand.
© DPAVergrößernParade nach Plan: Bei einer Probe war ausgerechnet einer der neuen T-14 „Armata“-Panzer liegengeblieben. Am Samstag gelang die gigantische Waffenschau dann perfekt.
Links Panzer, rechts Panzer. Einer nach dem anderen rattert über den Leningradskij Prospekt, eine breite Einfallstraße, die von Nordwesten ins Zentrum von Moskau führt und weiterhin den früheren Namen Sankt Petersburgs trägt. Es ist noch nicht sieben Uhr morgens, als die Kolonne das Dynamo-Stadion passiert. Noch mehr als drei Stunden bis zum Beginn der Parade auf dem Roten Platz. Alles muss nach Plan laufen. Bei einer Probe war ausgerechnet einer der neuen T-14 „Armata“-Panzer liegengeblieben, die der Stolz des russischen Verteidigungsministeriums sind – man lobt Reichweite, Geschwindigkeit, eine Schutzkapsel für die Besatzung.
Auch die T-14 fahren vorbei, die Geschützrohre schräg nach oben gestellt, als salutierten sie. Keiner versagt. Vom Rand der Straße filmen Leute, die früh aufgestanden sind. Sie haben sich und ihre Kinder mit dem schwarzorangefarbenen Georgsband geschmückt. Es feiert den Sieg über den Faschismus. Ebensolche Streifen tragen auch alle Militärfahrzeuge. Eine alte Frau schwenkt die russische Trikolore mit dem Doppeladler.

Sieg mehr denn je im Vordergrund

Der 9. Mai, der „Tag des Sieges“, ist ein Fest „mit Tränen in den Augen“, wie es in einem russischen Lied heißt. Tränen über die geschätzt 26,6 Millionen im deutschen Vernichtungskrieg gefallenen und ermordeten Soldaten und Bürger der Sowjetunion. Doch steht in diesem Jubiläumsjahr mehr denn je der Sieg im Vordergrund. Gefeiert wird er mit mehr als 16.000 Soldaten, 143 Flugzeugen und Hubschraubern, fast 200 Einheiten „Militärtechnik“, von Transportwagen und Haubitzen bis zu gewaltigen Interkontinentalraketen. Vor einer solchen Rakete, Typ „Jars“, lässt sich ein Mann, über dessen Bauch sich ein Porträt von Präsident Wladimir Putin in Matrosenanzug wölbt, von einem Polizisten fotografieren. Aus dem Führerhaus grüßen Soldaten. Die Leute am Straßenrand winken. Als die Kolonne vorbeigezogen ist, spritzen Reinigungsfahrzeuge den Asphalt sauber.
Einige Kilometer weiter, im Stadtzentrum am Puschkin-Platz, steht kurz darauf alles. Für das Publikum hinter den Absperrungen werden die Plätze knapp. Händler verkaufen olivgrüne Schiffchenmützen mit rotem Stern. Die Kassiererinnen der U-Bahn müssen solche schon seit Tagen tragen. Auch ist die Hauptstadt schon längst in blauweißrot, sowjetrot, schwarzorange getaucht: Der Sieg begegnet einem auf Schritt und Tritt. Verwegene Zuschauer klettern auf Verkaufsbuden, deren Giebel Plastikgeranien und weiße Plastiktauben zieren, um von dort besser die „Jars“ sehen zu können. Sie ruhen gegenüber der ebenfalls von roten Fahnen umrahmten Puschkin-Statue in der Sonne, flankiert von gepanzerten Fahrzeugen.

Viele Absagen wegen Ukraine-Krise

Im Staatsfernsehen liest eine Moderatorin, um die Zeit bis zum Beginn der Parade zu überbrücken, vor, welche Staats- und Regierungschefs nach Moskau gekommen ist. 68 waren eingeladen, „rund 30 Delegationen“ seien gekommen. Unter anderen aus Abchasien, Ägypten, Armenien, Aserbaidschan. Nordkorea hat statt dem Machthaber Kim Jong-un das nominale Staatsoberhaupt Kim Jong-nam geschickt. Vor zehn Jahren, zum 60. Jahrestag des Sieges, empfing Putin in Moskau unter anderen den amerikanischen Präsidenten George W. Bush und Bundeskanzler Gerhard Schröder. Die martialische Militärschau gab es erst wieder vor sieben Jahren.
Nun, zum 70. Jahrestag, sind keine Staats- und Regierungschefs aus den Reihen der früheren Bundesgenossen der Sowjetunion gegen NS-Deutschland unter den Gästen. Auch nicht Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie will an diesem Sonntagmittag zusammen mit Putin einen Kranz am Grabmal des unbekannten Soldaten an der Kremlmauer niederlegen. Man will der Toten des Krieges gedenken, hält aber einen Besuch der Militärschau wegen Russlands Vorgehen gegen die Ukraine auf der Krim und im Donbass für unangemessen. Deutschland ist in Moskau an diesem Tag vor allem in Form von gepanzerten Luxuslimousinen präsent, die am Kreml auf die Gäste warten. Nicht weit von ihnen stehen historische T-34-Panzer.

Gemeinsam gegen den Westen

Um Schlag zehn Uhr beginnt die Parade. Putin und seine wichtigsten Gäste haben vor dem Lenin-Mausoleum Platz genommen, das historische Siegesbilder verdecken. Direkt neben dem russischen Präsidenten sitzt Xi Jinping, der chinesische Staats- und Parteichef. Sein Kommen wird in Moskau besonders gefeiert. Man will China nicht nur Gas verkaufen, sondern hält ab Montag auch ein gemeinsames Seemanöver im Mittelmeer ab. Gemeinsam gegen den Westen, soll die Botschaft sein. Oder, wie es Putin in seinem Grußwort nennt, gegen „Versuche, eine unipolare Welt zu schaffen“.
Der Präsident sagt, zum Jubiläum „erkennen wir aufs neue die Großartigkeit des Sieges über den Nazismus an“. Er hebt den Stolz auf Väter und Großväter hervor, die den Sieg errangen. In den dreißiger Jahren habe „das aufgeklärte Europa nicht sofort die tödliche Gefahr in der Ideologie des Nazismus gesehen“, sagt Putin. „Und jetzt, 70 Jahre danach, appelliert die Geschichte aufs Neue an unseren Verstand und an unsere Wachsamkeit.“

Ukraine-Propaganda knüpft an Weltkrieg an

Wer russisches Staatsfernsehen schaut, wird bei diesen Worten an die Ukraine denken, wo angeblich seit dem Frühjahr 2014 ein Abwehrkampf der „russischen Welt“ gegen nazistische Wiedergänger tobt. So knüpft die Propaganda bewusst an die Geschichte des Zweiten Weltkriegs an. Die Separatisten in der Ostukraine tragen ebenfalls das Georgsband.
Putin rühmt zwar „den Beitrag“ der britischen, französischen und amerikanischen Verbündeten zum Sieg und erwähnt die Rolle der „Antifaschisten aller Länder“, auch in Deutschland. Dann indes stellt er die Nachkriegsordnung als Idyll dar, das aus „Vertrauen und Einheit“ zwischen Sowjets und Amerikanern erwachsen, aber durch „Kraftblockdenken“ bedroht sei. Putin unterbricht seine Rede für eine Schweigeminute. Eine solche hatten Menschenrechtler gefordert, um der Opfer des Krieges zu gedenken. Denn aus ihrer Sicht kommt im Siegestaumel das Andenken der Toten zu kurz. Auch wenn am Nachmittag, nach der Parade, Tausende Russen Porträts von Verwandten durch Moskau tragen, die im Krieg kämpften. „Unsterbliches Regiment“, heißt die Aktion.
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Putin dankt den Veteranen, von denen auch einige auf der Tribüne sitzen, und rühmt das „Siegervolk“. Auf die Nationalhymne folgen Märsche; immer neue Einheiten ziehen über den Roten Platz, auch Gastländer wie China und Indien haben Soldaten geschickt. Dann gibt es ein Wiedersehen mit Panzern und Raketen. Auch solche aus der „Buk“- Familie, die durch den Abschuss von Flug MH17 über der Ostukraine bekannt wurde, werden über den Platz gefahren. An die Ukraine erinnert zudem die Standarte einer Einheit der Schwarzmeerflotte mit dem Wappen der Krim, das, wie der Sprecher sagt, in diesem Jahr schon zum zweiten Mal über den Platz getragen wird.

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