Amerika macht DruckEs geht um mehr als Geld in Griechenland
Amerikas Regierung will Europa drängen, Griechenland im Euro zu halten. Präsident Obama denkt über seine Geostrategie nach - aber Athen ist nicht die oberste Priorität.
09.07.2015, von WINAND VON PETERSDORFF
© APGriechenland ist zu wichtig, um es den Europäern zu überlassen: Der amerikanische Präsident Barack Obama am Dienstag im Weißen Haus
Die amerikanische Regierung hat in den vergangenen Tagen ihr großes Interesse daran deutlich gemacht, Griechenland in der Eurozone zu halten. Das sei für alle Seiten das Beste, sagte ein Sprecher des Weißen Hauses.Präsident Obama hatte nach Angaben der Regierung in dieser Woche mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, dem französischen Staatschef François Hollande und dem griechischen Regierungschef Alexis Tsipras über die Finanzkrise gesprochen. Den Gesprächen waren Telefonate des Finanzministers Jack Lew mit Vertretern der griechischen Regierung vorangegangen.
Die Amerikaner fürchten weniger, dass der Kollaps der griechischen Volkswirtschaft die amerikanische Wirtschaft gefährdet. Die Finanzinstitute gelten als genügend abgeschirmt. Amerikanische Diplomaten sehen eher die Gefahr, dass sich das Nato-Mitglied Griechenland neue Freunde suchen könnte in Russland und in China. Die geostrategischen Implikationen der Griechenland-Krise sind deshalb für Washington inzwischen mindestens so beunruhigend wie mögliche volkwirtschaftliche Auswirkungen. Langsam reift die Erkenntnis: Es geht um mehr als um Geld in Griechenland.
Ein symbolischer Akt
Genau vernommen wurde hier der Satz, den Regierungschef Tsipras nach ein Treffen in Russland formuliert hat: Griechenland sei bereit, neue Ufer anzustreben und neue sichere Häfen zu suchen. Russland lud im Gegenzug Griechenland ein, bei der Entwicklungsbank der BRIC-Länder mitzumachen, ein symbolischer Akt angesichts der Finanzlage des Landes. Vermutlich könnte Russland mit seinen eigenen wirtschaftlichen und finanziellen Problemen Griechenland nicht retten, aber sich doch als verständnisvoller Freund gerieren.
Es ist nicht klar, wie viel Druck Washington auf seine europäische Freunde ausübt. „Die Vereinigten Staaten sehen sich die Sache nervös von außen an, machen aber sehr wenig“, sagt Heather Conley vom Center for Strategic and International Studies. Erst nach einem Kurseinbruch an der Wall Street habe das Weiße Haus klargemacht, dass die amerikanische Wirtschaft nicht gefährdet sei und der Präsident alle Beteiligten zu konstruktiven Gesprächen auffordere. Das ist nach Conleys Auffassung ein bisschen wenig für ein Land, das 1948 den Marshallplan erfunden hat, um trotz eigener Kriegserschöpfung Europa wieder aufzubauen. Amerika wirke, nachdem es ein Jahrhundert lang in Europa so viel Geld und Blut gelassen habe, nun zufrieden damit, sich herauszuhalten, meint Conley. Die alten Transatlantiker sehen das als schweren Fehler der neuen Generation von Regierungspolitikern an.
Amerikas Außenpolitik ist derzeit schwer beschäftigt. Vor allem die Verhandlungen mit Iran, die die allerhöchste Priorität genießen, ziehen sich in die Länge. China, Russland, Irak und Israel sind weitere Brocken, die Amerikas Diplomaten in Atem halten. Deshalb gibt es erste Stimmen in Washington, die der Regierung vorwerfen, sich zu spät um Griechenland gekümmert zu haben.
Griechenland zu wichtig, um es den Europäern zu überlassen
John Bolton, ehemaliger UN-Botschafter und Berater von George W. Bush, hat als Mitarbeiter der Denkfabrik American Enterprise Institute in Worte gefasst, was einige Konservative über die Entwicklung im Mittelmeerraum denken: Griechenland sei zu wichtig, um es den Europäern zu überlassen. Sollte sich Griechenland aus der Europäischen Union oder gar der Nato herauslösen, gefährde dies das amerikanische Interesse in Europa. Man hält das zwar für unwahrscheinlich, aber nicht für unmöglich. Emma Ashford, Sicherheitsexpertin in der Denkfabrik Cato, erinnert daran, dass Griechenland 1974 bis 1980 nicht Mitglied der Nato war.
China und Russland stünden bereit, aus der Lage Profit zu schlagen. Deshalb sei es für die amerikanische Regierung, nachdem sie lange nach außen hin ruhig geblieben sei, an der Zeit, die amerikanischen Interessen deutlich zu vertreten, mahnt Bolton. Die Nato dürfe durch die Krise nicht geschwächt werden. Geostrategisch sei es zentral, die Griechen in der Nato zu halten, egal welche Währung sie wollten. Bolton ist besorgt darüber, dass vor allem junge Griechen sich von Brüssel abwendeten, während ältere Griechen, die um ihre Pensionen fürchteten, im Referendum mit Ja gestimmt hatten.
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