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Sonntag, 14. Dezember 2014

Konjunkturprogramm für Europa Die gute Ölkrise Vor 40 Jahren beendete ein dramatischer Anstieg des Ölpreises das Wirtschaftswunder. Jetzt wird Öl billig wie lange nicht. Und die Welt freut sich


Konjunkturprogramm für EuropaDie gute Ölkrise

Vor 40 Jahren beendete ein dramatischer Anstieg des Ölpreises das Wirtschaftswunder. Jetzt wird Öl billig wie lange nicht. Und die Welt freut sich.

© © KIRSTEN ULVE/CORBISVergrößern
Zwei der wichtigsten Stellgrößen der von Amerika geprägten westlichen Welt entwickeln sich im Augenblick auffällig anders als in der Vergangenheit: das Öl und der Dollar. Das Öl, unter dessen hohem Preis die Welt lange gelitten hatte, wird billiger und billiger. Und der Dollar, der lange Zeit mit einer chronischen Wechselkursschwäche zu kämpfen hatte, wird stärker und stärker. Seit Jahresbeginn hat der Ölpreis (in Dollar gerechnet) rund 40 Prozent verloren. Und der Kurs des Dollar gegenüber dem Euro hat um stolze elf Prozent zugelegt.
Das kann erhebliche geopolitische Auswirkungen haben – und Folgen für die gesamte Weltwirtschaft. Man erinnere sich: Eine andere schlagartige Veränderung des Ölpreises (damals ein Anstieg) hatte in den Siebziger Jahren die Weltwirtschaft in ihren Grundfesten erschüttert. Das veränderte sogar das Denken über die Welt: Auf einmal gab es autofreie Sonntage, an denen man auf der Autobahn spazieren gehen konnte. Und es erschienen Bücher wie „Grenzen des Wachstums“, die eine globale grüne Bewegung für einen bewussteren Umgang mit den natürlichen Ressourcen der Erde nach sich zogen.
© DPA, DEUTSCHE WELLEVergrößernWirtschaft: Ölpreise so tief wie lange nicht

Seit den siebziger Jahren hat sich in der Welt viel verändert

Zugleich gab es etwas, das Ökonomen einen „Angebotsschock“ nennen. Überall auf der Welt kamen Unternehmen, die für ihre Produktion mit einem anderen Ölpreis kalkuliert hatten, in erhebliche Schwierigkeiten. Die Produktionsbedingungen verschlechterten sich in einem Tempo, das viele Unternehmen überforderte: Es gab viele Entlassungen und Pleiten. Länder wie Deutschland lernten ein unangenehmes Phänomen kennen – die Stagflation: Eine Phase wirtschaftlicher Bewegungslosigkeit, die dazu auch noch von einer hässlichen Inflation begleitet wurde. Die Ökonomen jener Zeit sprachen davon, die sogenannte „Phillips-Kurve“ habe sich verschoben, der Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit. Mit dem Ergebnis, dass man auf einmal mit beidem zu kämpfen hatte.
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Gibt es jetzt wieder so eine Zeitenwende – diesmal zu unseren Gunsten? Sorgt das billige Öl dafür, dass sich überall auf der Welt die Produktionsbedingungen verbessern und die Menschen Arbeit und Wohlstand finden? Das wäre wünschenswert – und allzu schnell sollte man diese Hoffnung nicht fahrenlassen. Auch wenn Dennis Snower, der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, die Euphorie etwas dämpft. Und zwar vor allem mit einem Argument: Seit den siebziger Jahren hat sich in der Welt viel verändert. „Unter anderem produzieren wir längst nicht mehr so energieintensiv.“ Eins zu eins könne man die Ereignisse von damals deshalb nicht übertragen: Der Verfall des Ölpreises heute wird weniger Auswirkungen haben als der dramatische Preisanstieg damals.

Wie hoch ist der Wachstumsimpuls?

Trotz solcher Einwände ist unübersehbar: Firmen können billiger produzieren, Autofahrer günstiger tanken – so viel Freude hat uns das Öl lange nicht mehr gemacht.
Aber wie ist es überhaupt dazu gekommen? Das zusätzliche Angebot durch „Fracking“ (eine unkonventionelle Bergbaumethode zur Förderung von Gas und Öl aus Gesteinsschichten) ist ein Grund für den niedrigen Ölpreis. Ein anderer ist die Uneinigkeit des Ölpreiskartells Opec über eine künstliche Verknappung des Rohstoffs. Aber auch die unterdurchschnittliche Nachfrage nach Öl aufgrund der verhaltenen Weltkonjunktur spielt für den Preisverfall eine Rolle.
Infografik / Der Ölpreis fällt, der Dollar steigt
Der starke Dollar hingegen hängt in erster Linie mit der Geldpolitik zusammen: In Amerika erwarten die Leute steigende Zinsen, in Europa dagegen weiter niedrige Zinsen. Das zieht Anlagegelder in den Dollarraum und lässt den Wechselkurs steigen. Zudem läuft die Wirtschaft in Amerika schon wieder deutlich besser, auch das treibt den Dollarkurs in die Höhe.
Im Augenblick jedenfalls sorgen Öl und Dollar für die ersten optimistischen Wirtschaftsprognosen seit langem. „Der niedrige Ölpreis und der starke Dollar sind ein echtes Konjunkturprogramm für Europa“, sagt Michael Heise, der Chefvolkswirt der Allianz. „Wir rechnen mit einem Wachstumsimpuls von 0,5 Prozentpunkten durch das günstige Öl und von 0,25 Prozentpunkten durch den starken Dollar.“ Insgesamt könne man also auf die bisherigen Prognosezahlen für das Wirtschaftswachstum gut und gerne einen Dreiviertel-Prozentpunkt draufrechnen: „Das ist viel.“

Den Ölpreis lieber aus der Inflation herausrechnen

Dahinter stecken zwei Effekte. Der erste ist der sogenannte „Primärimpuls“: Die Kaufkraft der Menschen steigt, weil sie weniger Geld an der Tankstelle und fürs Heizöl zahlen müssen und mit etwas Verzögerung auch das Gas billiger wird. Die Autofahrer jubelten, als in der vergangenen Woche an der Zapfsäule sogar der Ökosprit E10 nur noch 1,24 Euro kostete – statt mehr als 1,40 Euro wie gewohnt. Auch der Preis von Heizöl gab im Schnitt noch mal um 3,65 Euro nach, auf 65 Euro je 100 Liter.
Der zweite Effekt ist der sogenannte „Sekundärimpuls“: Auch die Produktionskosten für Unternehmen, bei denen Öl und Energie eine wichtige Rolle spielen, sinken. „Das wird über die Zeit zu niedrigeren Absatzpreisen für deren Waren und Dienstleistungen führen“, sagt Allianz-Volkswirt Heise. Zudem profitieren deutsche Exportfirmen davon, wenn der Dollar teuer ist und Produkte aus Europa im Vergleich dazu günstig auf dem Weltmarkt angeboten werden können.
„Der einzige Nachteil für Europa ist, dass der niedrige Ölpreis die Inflation noch niedriger macht“, sagt der amerikanische Ökonom Barry Eichengreen. Das könnte der Europäischen Zentralbank womöglich als Argument für den umstrittenen Kauf von Staatsanleihen dienen. Dabei sagen die meisten Notenbanker ohnehin, dass man den Ölpreis lieber aus der Inflation herausrechnen sollte – allein schon, weil er so stark schwankt.

Flugzeughersteller Airbus wird für wieder Anleger interessant

International muss man sich dagegen auf Turbulenzen durch die plötzlichen Preisänderungen einstellen. Der niedrige Ölpreis könnte zu politischen Instabilitäten in den Förderländern führen. Und der teure Dollar könnte den hochverschuldeten Schwellenländern Probleme bereiten. Insgesamt sollen deren Dollar-Schulden bei 3,1 Billionen liegen. Je stärker aber der Dollar wird, desto schwieriger wird für sie die Rückzahlung. „Viele dieser Länder sind schon angeschlagen, ihre Lage wird durch den teuren Dollar aber noch schwieriger“, warnt Snower. Das Extrembeispiel ist Russland: Der Rubel befindet sich gegenüber dem Dollar derzeit im freien Fall. Um einen völligen Verfall der Währung zu verhindern, müssen Notenbank und Staat laufend mit viel Geld eingreifen.
Sollen Sparer nun also vor allem auf Anlagen in Dollar setzen? „Einiges spricht dafür“, sagt Reinhard Pfingsten, Chefanlagestratege beim Bankhaus Hauck & Aufhäuser. Er meint vor allem kurz laufende Anleihen in Dollar; amerikanische Aktien hingegen seien schon zu teuer. „Bei Aktien sehen wir in Europa mehr Nachholbedarf.“ Die Entlastung der Verbraucher durch den niedrigeren Ölpreis könnte Konsum-Aktien beflügeln, auch Automobilwerte wie BMW oder Daimler. Zudem könnten energieintensive Unternehmen wie BASF vom fallenden Ölpreis profitieren. Ihr Augenmerk sollten Anleger zudem auf Unternehmen richten, die einen hohen Kostenblock in Euro haben, aber ihre Umsätze zu großen Teilen in Dollar erzielen. Ein Beispiel dafür ist der Flugzeughersteller Airbus – auch wenn die Aktie wegen der Spekulationen um das „Aus“ für das Großraumflugzeug A380 zuletzt kräftig verlor.

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