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Montag, 15. Dezember 2014

Ölstaat Venezuela Das erdölreichste Armenhaus der Welt Venezuela könnte im Geld schwimmen. Doch die sozialistische Regierung wirtschaftet das Land systematisch herunter. Kein Land der Welt ist so von einer Pleite bedroht.

Venezuela hat die größten Erdölvorkommen, doch fördert nur ein Bruchteil dessen, was die Vereinigten Staaten mit ihren begrenzten Vorkommen fördern.

Ölstaat VenezuelaDas erdölreichste Armenhaus der Welt

Venezuela könnte im Geld schwimmen. Doch die sozialistische Regierung wirtschaftet das Land systematisch herunter. Kein Land der Welt ist so von einer Pleite bedroht.

© AFPVergrößernDie zweitgrößte Erdölraffinerie im venezolanischen Paraguaná.
In Venezuelas Regierung herrscht momentan helle Aufregung. Der niedrige Ölpreis bedroht das südamerikanische Land wie selten zuvor. Die Wahrscheinlichkeit, dass Venezuelas Staat nächstes Jahr pleitegeht, sehen Fachleute bei 93 Prozent, abzulesen am Kreditausfall-Swap (CDS). Es steht sogar schon ein konkretes Datum fest: Der 16. März 2015. An diesem Tag muss das Land eine Anleihe über 1,07 Milliarden Euro zurückzahlen.
Wenige Tage später wird noch einmal eine milliardenschwere Anleihe fällig. Geld, welches das Land nur noch mit Mühe und Not zusammenklauben kann. Die Devisenreserven von 21,5 Milliarden Dollar sind auf den niedrigsten Stand seit zehn Jahren gesunken. Sie reichen nur, um 40 Prozent der Verbindlichkeiten in den kommenden fünf Jahren abzudecken. Auch die Anleiherenditen sind mit 24 Prozent deutlich in die Höhe geschossen. Doch wie konnte es nur so weit kommen?
Venezuela hat die größten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt. Auf mehr als 300 Milliarden Barrel (zu 159 Liter) belaufen sich die bestätigten Reserven. In Saudi-Arabien, dem größten Ölförderer, sind es 265 Milliarden Barrel. Doch Venezuelas bleibt weit unter seinem Potential: Seine Förderung beläuft sich lediglich auf 2,46 Millionen Barrel am Tag. Zum Vergleich: In Saudi-Arabien sind es 9,58 Millionen Barrel.

Venezuela ist auf Erdöl angewiesen

Nirgendwo ist das Verhältnis zwischen Reserven und Förderung so ungünstig wie in Venezuela. Und aktuell macht dem Land zusätzlich der Ölpreisverfall zu schaffen: Um seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen, brauchte das Land einen durchschnittlichen Preis von 97 Dollar. Das geht aus Berechnungen der Credit Suisse hervor. Inzwischen liegt der Weltmarktpreis um gut ein Drittel darunter.
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Während Venezuela von 1950 bis in die 1970er Jahre hinein zu den größten Erdölförderern zählte, ist es trotz der riesigen Reserven derzeit nur noch die Nummer zwölf der Weltförderliste. Die Tendenz ist weiter fallend und mit keiner Aussicht auf Besserung. Denn die Erdölindustrie liegt größtenteils brach. 1998, im Jahr vor dem Amtsantritt des langjährigen sozialistischen Staatschef Hugo Chávez, förderte das Land nach Angaben der Internationalen Energieagentur täglich 3,5 Millionen Barrel.
Heute sind es mit 2,5 Millionen Barrel etwa ein Viertel weniger. Dabei ist die Ölförderung für das südamerikanische Land lebensnotwendig: Sie sichert 80 Prozent der Exporterlöse, zwei Drittel der Staatseinnahmen sowie mehr als 90 Prozent der Deviseneinnahmen.

Chávez erledigte die Ölindustrie

Die Gründe für den Niedergang der Erdölindustrie sind zahlreich und vor allem mit dem Namen Chávez verbunden. Noch zur Jahrtausendwende galt der Ölriese Petróleos de Venezuela (PDVSA) als eine der effizientesten und finanzstärksten Konzerne der Welt. Chávez hat den Konzern verstaatlicht, als politisches und propagandistisches Werkzeug benutzt und den mit Abstand größten Ölkonzern des Landes anschließend gemolken.
Chávez schraubte die Investitionen der PDVSA stark zurück und erhöhte gleichzeitig die Abgaben, die der Erdölförderer an den Staat zahlen musste – um damit höhere Sozialausgaben zu finanzieren. Mit Erfolg, wie man zugeben muss: Die Armutsquote sank von 49 Prozent im Jahr 2002 auf 29 Prozent im Jahr 2011.
Die PDVSA hat nun seit der Verstaatlichung im Jahr 2003 rund 40 Milliarden Dollar Schulden angehäuft. Doch bis zum Jahr 2019 brauchte der Konzern 257 Milliarden Dollar laut eigenen Berechnungen für Instandhaltungen und Investitionen. Doch woher nehmen? Denn auch die Produktion geht teilweise ins Ausland: 250.000 Barrel muss das Land täglich an China liefern, um damit einen Milliardenkredit Pekings zu tilgen. Weitere 250.000 Barrel gehen zu supergünstigen Konditionen an befreundete Staaten wie Kuba.

Benzin für das Volk

Außerdem wird fast die Hälfte des Öls weit unter Marktpreisen an die heimische Bevölkerung weitergegeben. Dies ist eine der Subventionen, mit der sich die regierenden Sozialisten die Zustimmung der ärmeren Schichten sichern. Benzin kostet an den staatlichen Tankstellen nur 0,01 Euro je Liter – weniger als ein Schokoriegel an der Tankstelle.
Das führte zwar zu hoher Beliebtheit der Regierung in den Armenvierteln – aber durch die erzwungenen Dumpingpreise blutete der Konzern langsam aus. Außerdem verlor PDVSA seit 2002 mindestens 20.000 qualifizierte Arbeiter, weil diese sich bei einem Putschversuch angeblich auf die Seite der Putschisten stellten. Sie wurden durch parteinahe Leute in der Führung ersetzt.

Kein Facharbeiter will nach Caracas

Ebenso tun sich ausländische Fachkräfte schwer damit, in dem südamerikanischen Land zu arbeiten und zu leben. Die Hauptstadt Caracas gehört zu den gefährlichsten und kriminellsten Städten der Welt. Täglich werden etwa 30 Menschen in der 6-Millionen-Stadt ermordet. Damit hat die Stadt die höchste Mordrate der Welt. Dazu gibt es täglich Entführungen. Das schreckt viele Fachkräfte ab.
Infografik / Reserven und Produktion von Erdöl© F.A.Z.VergrößernVenezuela hat die größten Erdölvorkommen, doch fördert nur ein Bruchteil dessen, was die Vereinigten Staaten mit ihren begrenzten Vorkommen fördern.
Zusätzlich müssen sich die hochbezahlten Mitarbeiter in der Rohstoffbranche Tiraden der Regierung gegen die Reichen oder „ausbeuterische Kapitalisten“ anhören. Dabei braucht der Ölkonzern dringend internationale Fachleute, da die Ölfelder schwieriger zu erschließen sind als etwa in Saudi-Arabien. Hinzu kommt, dass das Öl nicht von derselben Qualität ist und aufwendiger raffiniert werden muss.
Die Anlagen von PDVSA sind so marode, dass allein seit dem Jahr der Verstaatlichung 100 schwere Brände oder Explosionen wüteten. Dabei kamen 81 Menschen um. Damit ist die Unfallquote sechsmal höher als in Nachbarländern, schreibt die Industrievereinigung OGP. Schon wird gespottet, dass die einzige Instandhaltungsmaßnahme der PDVSA sei, alle Anlagen mit roter Farbe anzustreichen.

Situation in Ölstaaten wird ernster

Der hochsubventionierte Sprit könnte wegen der Finanznot des Staates nun teurer werden, es heißt um das 15- bis 25-Fache. Die hohe Inflation – aktuell 56 Prozent – würde noch mehr angeheizt werden. Teile der Bevölkerung, vor allem die Mittelschicht, protestieren immer wieder gegen die schlechte Lage. Bislang hat die Regierung die Proteste mit harter Hand eingedämmt.
Der fallende Ölpreis setzt nicht nur Venezuela, sondern auch viele Staaten im Nahen Osten sowie Russland unter Druck. Länder mit niedrigen Devisenreserven haben auch am Golf zu kämpfen, zum Beispiel Oman und Bahrein. Auch anderswo stürzen die Aktienmärkte ab: In Saudi-Arabien ging es für die Börse seit September um 30 Prozent nach unten, in Dubai um 35 Prozent, in Qatar um 23 Prozent und in Nigeria um 27 Prozent.

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