ESSAY ZU GRIECHENLAND
Das System frisst die Menschen
Das Prinzip Einheitspartei entfaltet seine Vorteile: Die kontroverseste Entscheidung des deutschen Parlaments wurde mit der größten je gesehenen Mehrheit getroffen. Das Motiv: Den Feind in Fesseln legen. Der Feind heißt Griechenland.
Die Einsamkeit der Ausreißer aus diesem „Solidaritäts“-Rausch aller Parteien droht tödlich zu werden. Bedrohlich finden wir solche Machtverhältnisse zwar in autokratischen Systemen. In Deutschland genießen wir arglos, dass der demokratische Disput entschlummert.
Die nie gesehene Mehrheit im Bundestag galt einem Salto Mortale der Symbolpolitik: Vier Monate für Griechenland. Vier Monate, um den Störenfried der EU-Illusionspolitik zum Pausenclown herabzustufen. Im Namen der „Solidarität“ wird, endlich, wie viele EU-Strategen meinen, ein Feind der EU definiert, der Einigkeit zur Pflicht macht. Schwieriges Projekt, aber das Sprechen mit gespaltener Zunge beherrschen die Topstrategen der EU schon länger. Wer als Nichtentscheider mitmacht, wird belohnt.
Jeder Biertisch liefert jetzt den Feldherrenblick, der früher den Mächtigen vorbehalten war. In satten Mehrheiten geborgen, schwadronieren wir online und offline über Weltpolitik. Endlich wieder reale Feinde da draußen, die uns richtig friedfertig ausschauen lassen.
Genau das passende Set für die interne EU-Jagd auf einen, der uns die Butter vom Brot nimmt: Griechenland.
Wie viele Menschen wie du und ich dort ohne Butter und ohne Brot leben, ohne Arbeit und ohne Ausbildung, jung und kaltgestellt, das kann die Bürger am Feldherrenhügel so wenig beeindrucken wie ihre politischen EU-Feldherren. Das Straflager Griechenland wird nicht aufgelöst. Es ist ein Protektorat, die Bürger sind in Schutzhaft der EU. Die Demokratie macht Generalpause.
Jetzt Jungsein in Griechenland, jetzt dort als Unternehmer scheitern, als Notfall keine medizinische Soforthilfe finden: Im Auge der EU-Strategen Kollateralschäden, wie sie jeder Krieg verursacht. Immerhin wird nebenan in Osteuropa real gestorben. In Griechenland nur existenziell.
Und wer die Bürger im Mehrheitsgatter hält, als Follower einer übermächtigen EU-Illusion, der erreicht das Unwahrscheinliche: den Wegfall der natürlichen Empathie. „Solidarität“ mit den Bürgern, die Opfer zweier gescheiterter Systeme sind, der griechischen und der EU-Politik, kommt in Deutschland schon deshalb nicht infrage, weil „Solidarität“ mit dem Finanzminister das Gebot der Stunde ist.
Erstaunlich genug: Im Land der Friedenstauben kommt soziale Gewalt im Namen der EU gut an, solange die Opfer als Wohlstandsfeinde für Deutschland beschrieben werden. Die Olympier von Brüssel wissen, dass ihr Kriegslatein mit Freund-Feind-Schemata eine demokratische Zukunft der EU aushebelt. Man wird sie sich auch gar nicht leisten können, bei so viel Gegenwind. Die EU wird autokratische Strukturen haben – und damit sehr zeitgemäß sein, da rundum lauter autokratische Imperien entstehen.
Der neue Durchblick zeigt: Die EU ist ein revolutionäres Projekt. Vom Feldherrenhügel der EU-Strategen aus gesehen ist natürlich das System wichtiger als die Menschen. Sind ihre Schicksale wirklich Kollateralschäden. Das System frisst Menschen. Der „Rettungsschirm“ ist Camouflage.
Die Revolution erfasst auch das Wertesystem. Ganze Werteketten sterben, denn die Werte-Apostel im EU-Management praktizieren genau das, was sie dem Gegner Putin vorwerfen: Sie setzen auf das Recht des Stärkeren. Der Werte-Discount ist unvermeidlich, wenn die Verabredung weiter gelten soll, die den Griechen vier trügerische Monate beschert: Dass die tönernen Füße der Währung nicht angegraben werden dürfen.
Es geht nicht um Griechenland, sagt der Finanzminister, es geht um Europa! Beifall. Niemand fragt: Ist das ein Entweder-Oder? Die Griechen haben verstanden. Die griechischen Politiker treten als Revolutionäre auf, weil sie es mit den Gouverneuren einer Revolution zu tun haben. Die Würde des Europäischen Traums weicht der Wut der ertappten Politmanager Europas.
Die vornehmste Eigenschaft des homo sapiens ist seine Schicksalsempfindlichkeit. Sie ist Ziel der Attacke der „Schirm-Herren“.
Darum gehört es in dieselbe Story, was in diesem Geschichtsaugenblick in Osteuropa geschieht. Es ist die Stunde der Eroberer. Putin erkennt, dass die EU-Kommandeure ähnlich agieren wie er, nur etwas smarter getarnt. Darum werden sie ihn bei der Arrondierung seines Imperiums nicht stören. Gemeinsam blättern wir rückwärts im Geschichtsbuch. Menschenopfer auf den Altären Europas.
Die Autorin ist Professorin und Beraterin von Wirtschaft und Politik.
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