Verlustreiche Euro-Franken-WettenDie Tricks der Broker beim Schweizer Börsenchaos
23. März 2015
Plötzlich scheint Klicken sinnlos. Die Preise auf dem Bildschirm sind wie festgefroren, ein Verkauf seiner Franken-Euro-Papiere über das Online-Konto der DAB Bank ist für Anleger Roland Schneider* unmöglich. Der 40-Jährige wechselt auf die Internet-Seite einer anderen Bank – und kann live verfolgen, wie der Euro zum Schweizer Franken binnen kurzer Zeit fast 30 Prozent an Wert verliert.
Der Grund: Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hatte überraschend verkündet, dass sie den Franken nicht mehr auf dem Mindestkurs von 1,20 Franken pro Euro halten werde. Schneider gerät in Panik. Er hat auf einen zum Franken steigenden Euro gesetzt, mit Papieren, die die Wechselkursbewegung um das 50-Fache verstärken – sein Verlust potenziert sich gerade. Als die DAB wieder Kurse anzeigt, liegt sein Konto mit 85.000 Euro im Minus.
Statements zur Franken-Freigabe der Schweizer Notenbank
"Entscheidung war längst überfällig"
"Ein Zusammenhang mit den EZB-Maßnahmen liegt auf der Hand"
"Wirft ein schlechtes Licht auf die Lage der Eurozone“
„Euro wird nicht ins Bodenlose fallen“
„Schweizer Notenbank wird stärker am Devisenmarkt intervenieren müssen“
"Ein Befreiungsschlag der SNB"
"Nach Übertreibungsphase wieder höher Kursniveaus"
"Währungspolitik der Schweizer buchstäblich zerrissen"
"Weckruf für Investoren, Zentralbanken nicht zu trauen"
"Euro schon vor Monaten zum Abschuss freigegeben"
Den Verlust soll er nun ausgleichen. „Ich bin baff“, sagt der Jurist. Seiner Frau hat er nicht gebeichtet, er kämpft um sein Geld.
Kunden der Broker IG Markets, der dänischen Saxo-Bank und von CMC Markets geht es ähnlich. Einer liegt sogar mit über 280.000 Euro im Minus. Broker und Banken verlangen jetzt den Ausgleich der Konten, Kunden streiten sich mit ihnen um Verluste und gepfändete Guthaben. Einigen droht gar die Privatinsolvenz.
Ins Minus sind Anleger gerutscht, weil ihre Geschäfte gehebelt waren. Wer mit Hebeln handelt, kann mit kleinen Beträgen hohe Gewinne oder Verluste einfahren. Anleger überlassen dem Broker nur eine Sicherheit (Margin), etwa ein Prozent der Summe, mit der sie spekulieren wollen. Wer 5.000 Euro hinterlegt, kann bei einem Hebel von 100 Devisen im Wert von einer halben Million Euro handeln. Broker räumen Kunden damit hohe Kredite ein – ohne deren Zahlungsfähigkeit zu prüfen.
Millionen Euro verzockt
Anleger wetten auf kleinste Preisänderungen, der Kredit hebelt die Rendite. Verändert sich der Kurs um ein Prozent, hat der Anleger sein eingesetztes Kapital verdoppelt – oder verloren. Ist die Margin aufgebraucht, fordert die Bank frisches Geld, oder sie löst die Geschäfte des Kunden auf. Letzteres war am 15. Januar, dem Tag der SNB-Entscheidung, nicht immer sofort möglich. Der Markt, zeigen Handelsdaten, war im Ausnahmezustand. Alle betreten Neuland: Darf eine Bank etwa ausgeführte Geschäfte nachträglich korrigieren?
Es geht auch für Broker um Millionen – denn wenn Kunden Verluste nicht ausgleichen, können die beim Broker hängenbleiben. Der britische Devisenbroker Alpari etwa schlitterte so in die Insolvenz. „Wenn ein Kunde den Verlust nicht tragen kann, wird er an uns weitergegeben“, so Alpari. Saxo beziffert das Risiko aus dem Euro-Franken-Desaster auf bis zu 94 Millionen Euro, der britische Broker IG Markets geht von umgerechnet bis zu 42 Millionen Euro Miesen aus, der US-Broker FXCM beziffert das Minus auf 276 Millionen US-Dollar.
*Name von der Redaktion geändert
Broker versuchen nun mit allen Mitteln, Geld einzutreiben. Welche Tricks sie nutzen, was Anleger für künftige Geschäfte daraus für Konsequenzen ziehen sollten:
- Verantwortung abwälzen. Die DAB sagt, sie sei nicht verantwortlich dafür, dass Schneider nicht handeln konnte. Sie trete nur als Kommissionärin auf und stelle „keine eigenen Kurse“. Handelspartner sei die italienische Fineco Bank, eine UniCredit-Tochter. Die aber sei für ihn, so Schneider, nicht greifbar. „Mein Vertragspartner ist die DAB“, meint er. Fineco ist der gleichen Meinung: Man kenne die Kunden nicht und habe nur einen Vertrag mit der DAB. Achtung: Viele Banken lagern Geschäfte an Partner aus, die die Kurse stellen. Kunden sollten immer fragen, bei wem sie handeln.
- Erst weit unten verkauft. Schneider hatte 5.000 Euro Verlust einkalkuliert. Das konnte er, weil die DAB Kundengeschäfte automatisch liquidieren wollte, wenn das hinterlegte Geld verloren zu gehen droht. Bei einem Kurs von 1,189059 Franken hätte die Bank die Euro-Papiere verkaufen sollen (Stop-Order mit Preislimit). Hier ist jede Nachkommastelle relevant – normalerweise spekulieren Anleger auf eine Veränderung der vierten Stelle hinter dem Komma.
Tatsächlich verkaufte die Bank erst gut 30 Minuten später, bei rund 1,01 Franken je Euro – eine gigantische Abweichung in einer Welt, in der Anleger normalerweise auf eine Veränderung von 0,0001 Franken wetten. Die DAB verweist darauf, dass eine automatische Verkaufsorder nicht „die Ausführung zu einem bestimmten Kurs“ garantiere. Stimmt: Der Broker muss bei Durchbrechen der Marke verkaufen. Wenn der Kurs aber schnell abschmiert, bekommt der Anleger weniger als sein Limit.
Das zeigt, wie gefährlich Limits sind. Anleger müssen damit rechnen, dass sie zu schlechteren Kursen verkaufen als erwartet. Andere Broker aber schafften es, Papiere nah am Limit zu verkaufen. Ein Kunde von JFD aus Zypern etwa hatte Glück: Das Stop-Limit von Thomas Fischer* lag bei 1,19335 – abgerechnet wurde sein Geschäft bei rund 1,16 Franken je Euro. Fischer verbuchte nur wenige Hundert Euro Minus.
- Geschäftsbedingungen sichern Bank ab. Die DAB betont, sie habe sich „zu jeder Zeit“ an ihre Bedingungen gehalten. Die erlauben, den Handel auszusetzen. Geschäftsbedingungen lesen kann sich lohnen. Außerdem, so DAB in einem Kundenbrief, gebe es beim Handel mit Währungen „keinen Referenzmarkt“, auf den sich Anleger berufen könnten. Der Handel mit Währungen führe „nicht zu offiziellen Marktpreisen, wie an den regulierten Börsen“.
- Spekulation gegen Kunden. Nicht nur der Devisenhandel unter Banken läuft abseits der Börsen. Bei vielen Finanzprodukten handeln Anleger direkt mit dem Broker – bei Differenzkontrakten (Contracts for Difference, CFDs) ist das immer, bei Optionsscheinen häufig der Fall. Der Broker verkauft dem Anleger ein CFD und kauft es ihm später wieder ab. Die Produkte beziehen sich zwar auf die in Millionen Geschäften ermittelten Wechselkurse. Weichen Preise von diesen ab, merkt der Anleger das aber selten. Broker können sich entweder am Devisenmarkt absichern, dann ist es für sie egal, ob der Kunde gewinnt oder verliert. Sie können aber auch gegen den Kunden wetten und von dessen Verlust profitieren. Anleger sollten daher ihren Broker nach Interessenkonflikten fragen.
- Preis nachträglich korrigiert. Anna Richter*, Privatanlegerin aus dem Berchtesgadener Land, hatte mit einem Geschäft auf eine Aufwertung des Franken gesetzt und Euro verkauft. Alles richtig gemacht, dachte sie, als der Broker Saxo Bank das Geschäft bestätigte. Allein, die Freude währte nicht lang: Am Abend korrigierte Saxo bereits ausgeführte und längst bestätigte Geschäfte – aus 83.000 Euro Guthaben wurden 35.500. Bei einem anderen Anleger setzte Saxo den Kurs um rund 0,18 Franken herab, der Mann hatte auf einmal 29.000 Euro Schulden. „Saxo justiert einseitig Kurse nach – ich kann als Kundin doch auch nicht Stunden später ein Geschäft rückgängig machen, wenn es gegen mich läuft“, sagt Anlegerin Richter. Ihre Order sei rechtsgültig ausgeführt und bestätigt worden. „Ich will meinen Kontostand zurück.“
*Name von der Redaktion geändert
Auch der britische Broker CMC Markets hat Konten im Nachhinein um mehrere Zehntausend Euro angepasst. Aus Guthaben wurden Schulden. Die Kurse, so CMC, seien zuvor „nur Anhaltswerte“ gewesen.
Broker IG Markets hat immerhin versucht zu erklären, was passiert sei: Nach der SNB-Entscheidung hätten Banken sich zurückgezogen und keine An- und Verkaufskurse für Devisen mehr in die Systeme gestellt. Folge: Kurse, die „auf der Handelsplattform oder in den Charts angezeigt wurden“, seien „fehlerhaft, fiktiv und nicht legitim“ gewesen. Versuche, die Banken zu kontaktieren, seien für „zehn Minuten erfolglos“ geblieben, so IG. Erst Zug um Zug konnte der Broker die Aufträge seiner Kunden im Handel zwischen Banken ausführen. Auf dieser Basis hätte IG später einen Durchschnittskurs berechnet, der an alle Kunden weitergegeben worden sei. Fazit: Wird es eng, ziehen Banken sich zurück.
Thomas Herrmann von JFD zweifelt die Argumente seiner Wettbewerber an: „Es gab nach der Entscheidung der SNB durchgehend Großbanken, die Liquidität angeboten und Geschäfte in dem Währungspaar Schweizer Franken und Euro ausgeführt haben.“ JFD Brokers leitet Kundenaufträge an rund 20 Banken weiter.
Selbst wer richtig lag, verlor
Handelsdaten zeigen, dass der Markt am 15. Januar tatsächlich chaotisch war. Während die eine Bank einen Kurs von 1,1220 anzeigte, lag die andere bei 0,6374. Innerhalb von zwei Sekunden sprangen die Kurse dem Broker FXCM zufolge von 1,1078 auf 0,5696 und dann wieder hoch auf 0,9769. Großbanken, von denen kleinere Broker ihre Kurse einkaufen, weiteten die Spanne zwischen An- und Verkaufskursen auf bis zu 0,50 Franken aus – normal sind 0,0002 Franken. So konnten auch Kunden, die richtig – auf Aufwertung des Franken – gewettet hatten, massiv Geld verlieren, weil ihre automatischen Verkaufslimits ausgelöst wurden.
Auffällig ist der Widerspruch zwischen Werbung und Realität. Im Internet wirbt Saxo dafür, dass man Kunden Liquidität bis zu 25 Millionen Euro anbiete. Außerdem sei ein Preis ein Preis: „Der Preis, den Sie sehen und auf den Sie klicken, ist immer der gleiche Preis wie in Ihrer Abrechnung“, steht dort auf Englisch. Doch das soll nun wohl nur unter normalen Umständen gelten. Für Ausnahmen gibt es Geschäftsbedingungen. Dort heißt es, Saxo habe das Recht, Preise zu korrigieren.
In Deutschland sind Dutzende Broker aus dem Ausland tätig. Doch wer bei einem solchen handelt, kann doppelt Probleme bekommen. So haben Saxo-Kunden zwar die Unterlagen zur Kontoeröffnung auf Deutsch erhalten – die Geschäftsbedingungen aber gab es nur auf Englisch. Und wer dieser Sprache mächtig ist, liest bei Saxo, dass alleiniger Gerichtsstand Kopenhagen ist. Also müsste, wer sein Guthaben zurück will, in Dänemark klagen.
Die deutsche Aufsicht BaFin hält sich vornehm zurück. Sie hat einem Anleger geschrieben, dass sie „nicht der richtige Ansprechpartner“ für Beschwerden sei. Saxo Bank sei „eine Online-Investmentbank mit Sitz in Dänemark“ und als „grenzüberschreitender Dienstleister“ befugt, hierzulande tätig zu werden. Zuständig sei die Aufsicht in Dänemark. Freundliche Grüße.
Zweifel an Anwaltswerbung
Es gibt leise Hoffnung: Die Kanzlei Peres & Partner meint, Saxo könne mit der Kopenhagen-Klausel bei deutschen Kunden nicht durchkommen. Mehr noch: Gemessen am deutschen Recht, dürfte auch die Klausel zur nachträglichen Preisanpassung unwirksam sein, so die Anwälte, die im Internet um Saxo-Kunden werben.
Die Saxo Bank ist über derlei Annäherungsversuche wenig erpicht. Sie hat Kunden geschrieben, dass „unter Mitwirkung von Rechtsanwälten“ Rundschreiben zirkulierten, „in welchen die Rechtmäßigkeit der von uns erhobenen Nachschussforderungen in Frage gestellt wird“. Man habe „Zweifel an der Zulässigkeit einer solchen ,Werbung‘“ und prüfe „ein juristisches Vorgehen“ gegen die Anwälte. Denn all das ziele nur darauf ab, Anleger „in gerichtliche Auseinandersetzungen“ zu führen.
Genau die suchen viele Kunden jetzt – und verklagen ihre Banken.









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