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Dienstag, 18. September 2012

Klassiker der Geldpolitik: Goethe liefert Weidmann die Argumente

Klassiker der Geldpolitik: Goethe liefert Weidmann die Argumente

Der Bundesbankchef mag in der Europäischen Zentralbank isoliert sein. Doch in Deutschland kann sich Weidmann auf höchste Autoritäten berufen: Was die EZB betreibt ist „Alchemie mit anderen Mitteln", wusste schon Goethe.
Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Quelle: dapd
Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Quelle: dapd
FrankfurtJens Weidmann ist bewusst, dass in der aktuellen Diskussion über die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird. Hält der Bundesbank-Präsident seine sture Linie gegen die geplanten Staatsanleihenkäufe der EZB durch? Argumentiert er weiter gegen diese Form der Staatsfinanzierung an? Er tut es – und bringt dafür sogar den Dichterfürsten Johann Wolfgang Goethe in Stellung.
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Frankfurt feiert gerade mal wieder den Dichter, im Rahmen der Festwoche lud die Bundesbank zu einem hochrangigen Kolloquium mit dem historischen, aber hochaktuellen Motto „Papiergeld – Staatsfinanzierung – Inflation“, und bot den eigenen Präsidenten als Eröffnungsredner auf.

Faust II: Was Goethe von Geld wusste

  • Faust II: Was Goethe von Geld wusste
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Fast genüsslich zitiert Weidmann aus Goethes Faust und lässt Mephisto auftreten, der als Narr verkleidet, um frisches Geld bettelt. Der Kaiser antwortet entnervt: „Ich habe satt das ewige Wie und Wenn; Es fehlt an Geld, nun gut, so schaff’ es denn.“ Gemeint ist damit die Gelschöpfung am Hofe von Herzog Karl August in Weimar vor knapp 200 Jahren. Doch es passt so treffend auch auf die selbsternannten Retter der Euro-Zone, die für Griechenland, Spanien oder Italien immer mehr Geld fordern. Und für die EZB, die am Ende immer aushilft.
Weidmann könnte Mephistos Antwort weglassen, aber er tut es nicht und liest: „Ich schaffe, was ihr wollt, und schaffe mehr.“ Das ist natürlich nicht seine eigene Rolle. Weidmann warnt immer wieder vor den Staatsanleihekäufen, die für ihn zu nahe an der Staatsfinanzierung per Notenpresse sind. Aber sieht er bei diesen Worten womöglich EZB-Chef Mario Draghi vor seinem geistigen Auge?

Geldpolitik: Weidmann fordert offene Debatte über EZB-Kurs

Der Bundesbank-Chef plädiert für einen öffentlichen Diskurs über den Kurs der EZB. Der beste Schutz gegen Versuchungen der Geldpolitik sei eine aufgeklärte Gesellschaft. Doch die EZB sieht mehr Transparenz skeptisch.
Geldpolitik: Weidmann fordert offene Debatte über EZB-Kurs
Goethe wusste, wovon er redete. Er arbeitete als Finanzminister in Weimar. Keine einfache Aufgaben, denn auch der Kleinstaat war so gut wie pleite. Die Eltern von Karl-August trieben Sachsen-Eisenach-Weimar mit ihrer Verschwendungssucht in den Ruin. Alleine der Hofstaat, der für die Gesellschaft und geistige Betätigung der Herzogin zuständig war, belief sich auf knapp 40 Personen. Zum Vergleich: Weimar selbst zählte zu dieser Zeit nur 6000 Einwohner.
Da erschien der Ausweg durch die Notenpresse verheißungsvoll. Doch Goethe, der gerade im Karlsbad bei einer Kur die katastrophalen Auswirkungen einer Inflation persönlich miterlebte, stellte sich quer. Die wertungebundene Geldschöpfung erschien ihm als moderne Alchemie, denn bei den Banknoten wird aus dem Nichts ein Wert geschaffen.


Goethe liefert Weidmann die Argumente

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„Banknoten sind Baumwolle“

Weidmann zitiert Goethes Mephisto, der angesichts der wundersamen Geldvermehrung schwärmt: „Ein solch Papier, an Gold und Perlen statt, Ist so bequem, man weiß doch, was man hat; Man braucht nicht erst zu markten, noch zu tauschen, Kann sich nach Lust in Lieb’ und Wein berauschen.“
Goethe wusste es, Mephisto erfuhr es, Weidmann bringt es ganz prosaisch in die Gegenwart und auf den Punkt: „Heutiges Geld ist durch keinerlei Sachwerte mehr gedeckt. Banknoten sind bedrucktes Papier – die Kenner unter Ihnen wissen, dass es sich im Fall des Euro eigentlich um Baumwolle handelt.“

Ausstellung: Goethe und das liebe Geld

Johann Wolfgang von Goethe war nicht nur Dichter, er war auch Finanzminister und wollte kein Papiergeld – keine Inflation. Die Deutschen Bundesbank widmet Goethe und dem Geld nun eine Ausstellung.
Ausstellung: Goethe und das liebe Geld
Zum Schluss wird Weidmann in seinem kurzen Vortrag noch mal deutlich, wenn er die Maßgaben für den modernen Geldpolitiker formuliert, ganz nah an Goethe: „Wenn Notenbanken potenziell unbegrenzt Geld quasi aus dem Nichts schaffen können, wie kann dann sichergestellt werden, dass Geld ausreichend knapp und somit werthaltig bleibt?” fragte er. Die Versuchung sei groß, dieses Instrument zu missbrauchen und sich kurzfristig Spielräume zu schaffen, auch wenn damit langfristiger Schaden wahrscheinlich sei.
Bundesbank
Ganz der Bundesbank-Präsident wiederholt Weidmann das Credo dieser Institution, dass Zentralbanken als unabhängige Institutionen geschaffen wurden, „um zu gewährleisten, dass die Fähigkeit zur Geldschöpfung nicht von den Politikern missbraucht werden kann.“ Denn ein staatlicher Zugriff auf die Notenbank in Verbindung mit großem staatlichem Finanzbedarf weite die Geldmenge in der Regel zu stark aus, „das Ergebnis war Geldentwertung durch Inflation.”
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Konjunkturflaute: EZB würde Zinsen weiter senken

Sogar ein negativer Einlagezins ist in Ratskreisen offenbar kein Tabuthema.
Konjunkturflaute: EZB-Ratsmitglieder würden Zinsen weiter senken
So war es in Weimar, so muss es in der Euro-Zone aber nicht enden. Denn dagegen, so Weidmann, stünde die Unabhängigkeit der Notenbanken - und „eine aufgeklärte und stabilitätsorientierte Gesellschaft“. Wie weit diese Stabilitätskultur aber reicht, über Deutschland hinaus, ließ Weidmann offen.


http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/geldpolitik/klassiker-der-geldpolitik-banknoten-sind-baumwolle/7150088-2.html

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