08.06.12
Griechenland mit Drachme wäre ’Mondlandschaft’, ’Drittweltland’
Die Geschäfte können kaum schlechter laufen für die
Technologieberatung von Pavlos Tziorkas. In Griechenland werden kaum
noch Kredite vergeben und das Land befindet sich das fünfte Jahr in
einer... Von Jonathan Stearns und Elisa Martinuzzi
Die
Geschäfte können kaum schlechter laufen für die Technologieberatung von
Pavlos Tziorkas. In Griechenland werden kaum noch Kredite vergeben und
das Land befindet sich das fünfte Jahr in einer Rezession. Eine
Möglichkeit sieht er jedoch, wie sich die Lage noch drastisch
verschlimmern könnte: durch einen Austritt aus der Europäischen
Währungsunion.
"Wenn wir aus
dem Euro austreten, hätte das ein instabiles Umfeld für Griechenland zur
Folge”, sagt Tziorkas. Das Büro seiner Firma, Intelli Solutions SA,
liegt im Zentrum Athens, wo Demonstrationen und Auseinandersetzungen mit
der Polizei seit Beginn der Schuldenkrise vor zwei Jahren zum täglichen
Bild gehören. Intelli überlegt, die Zentrale ins Ausland zu verlagern,
sollte das Land tatsächlich den Euro aufgeben.
Ähnlich
skeptisch sehen auch Experten die Zukunft des Landes ohne den Euro. Ein
Griechenland ohne die Gemeinschaftswährung müsste sich voraussichtlich
mit kaputten Banken, kollabierenden Unternehmen, hochschnellenden
Importpreisen, einer riesigen Staatsverschuldung,
Nahrungsmittelrationierungen und gewalttätigen Demonstrationen
auseinander setzen, erwarten Volkswirte, Analysten und Professoren.
Selbst die
gewöhnliche Belohnung einer Währungs-Entwertung - günstigere Exporte -
würde dem Land kaum helfen. Die Industrie ist für lediglich zehn Prozent
des Bruttoinlandsprodukts (BIP) verantwortlich.
"Wir können
davon ausgehen, dass es zu einem Mondlandschafts-Szenario käme - alles
Bewegliche würde das Land verlassen”, sagt Michael Spence,
Wirtschafts-Nobelpreisträger und Professor an der New Yorker Stern
School of Business. Kurzfristig würde das Land im Chaos versinken, warnt
er.
Am 17. Juni
steht die zweite Parlamentswahl in Griechenland innerhalb von zwei
Monaten an. Dabei hat die Syriza-Partei - sie lehnt die
Haushaltskürzungen ab, die an das internationale Hilfspaket geknüpft
sind - Chancen auf einen der ersten beiden Ränge. Sollte sich die
künftige griechische Regierung jedoch nicht an die Vereinbarungen
halten, könnten die Rettungskredite aus dem Euroraum und vom
Internationalen Währungsfonds (IWF) gestoppt werden. Konsequenz: Das
Land stünde ohne Mittel da und hätte kaum eine andere Möglichkeit als
eine eigene Währung einzuführen.
Eine
Wiedergeburt der Drachme würde zwar die Exporte und den Tourismus
ankurbeln, eine Erholung Griechenlands nach dem Vorbild Argentiniens vor
einem Jahrzehnt dürfte jedoch ausbleiben. Denn selbst nach der größten
Umschuldung eines Landes, die eine Fortsetzung der EU- und IWF-Hilfe bis
2014 sichern sollte, wäre Griechenland wohl kaum dazu in der Lage,
künftige Zahlungen ohne auswärtige Hilfe leisten zu können.
Sicher sind sich
Banker, Volkswirte und Analysten auf jeden Fall, dass der Euro-Austritt
größere finanzielle Verwerfungen zur Folge hätte: "Es gäbe einen Sturm
auf die Bankkonten”, sagt Guillermo Nielsen, der frühere Finanzminister
Argentiniens. Er hatte das Amt im Jahr 2002 übernommen - wenige Monate
nachdem Argentinien die Zahlungsunfähigkeit auf Anleihen im Volumen von
95 Mrd. Dollar erklärte. "Das Resultat wäre ein noch größeres
Einkommens-Ungleichgewicht zwischen denen, die Zugang zu Barmitteln
haben und denen, die das nicht haben. Griechenland würde ein
Drittweltland werden.”
Griechenlands
Banken würden in einem solchen Fall den Zugang zu EZB-Mitteln verlieren,
wodurch die wirtschaftliche Aktivität zum Erliegen käme, warnen
Analysten von Credit Suisse Group AG. Nachdem in den vergangenen
zweieinhalb Jahren bereits 75 Mrd. Euro von griechischen Bankkonten
abgezogen wurden, benötigen die Institute 50 Mrd. Euro an Kapital.
Unabhängig von
den fehlenden Barmitteln müsste die Regierung entscheiden, welche in
Euro denominierten Verbindlichkeiten gegenüber ausländischen Gläubigern
vom Staat und den Banken weiter in der Gemeinschaftswährung bedient
werden sollen. Die verbleibenden würden in die neue Währung
umgeschrieben werden - was wohl jahrelange rechtliche
Auseinandersetzungen mit sich bringen dürfte.
Wirtschaftlich
gesehen droht dem Land eine Rezession, die den Wirtschaftsrückgang um 13
Prozent in den vergangenen drei Jahren in den Schatten stellen würde.
Das BIP des Landes würde ohne Euro zehn Prozentpunkte niedriger
ausfallen als mit, schätzt beispielsweise David Mackie, Chef-Volkswirt
für Europa bei JPMorgan Chase & Co. in London. Das wäre vergleichbar
mit den Zuständen in den USA während der Weltwirtschaftskrise der
1930er Jahre. Die griechische Notenbank rechnet sogar damit, dass sich
die Rezession durch einen Euro-Austritt um etwa 22 Prozent in einem Jahr
verstärken würde, bei stabilen Preisen.
Nach Ansicht
von Tziorkas von Intelli muss Griechenland die Sparmaßnahmen
durchziehen, um die Hilfsgelder weiter zu erhalten - und dadurch
letztendlich auf ein Erstarken der griechischen Wirtschaft
hinzuarbeiten. Ob die Zukunft des Landes bei Euro oder der Drachme
liegen wird, kann auch er nicht sagen: "Wir leben in einer Situation, in
der die Zukunft nicht vorhergesehen werden kann”, sagt er. "Das einzige
was man haben kann, ist ein Plan B.”
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