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Dienstag, 12. Juni 2012

Moritz Kraemer ist Chefanalyst Europa bei S&P in Frankfurt.

«Spanien ist nicht Griechenland»

Moritz Kraemer ist Chefanalyst Europa bei S&P in Frankfurt.
Moritz Kraemer ist Chefanalyst Europa bei S&P in Frankfurt.
Bild: cash
11.06.2012 08:30
Moritz Kraemer senkt oder hebt den Daumen über die Bonität der Euro-Länder. Im cash-Interview äussert sich der Chefanalyst Europa bei S&P über Folgen eines Griechen-Exits und Gefahren für das AAA-Rating der Schweiz.
cash: Herr Kraemer, Sie sind Chefanalyst bei Standard & Poor's in Frankfurt. Im 'Spiegel' wurden Sie einmal als 'Scharfrichter, der ganz Europa destabilisiert' bezeichnet. Lässt Sie so etwas kalt?
Moritz Kraemer: Wir müssen uns einfach vor Augen führen, was unsere Rolle ist. Sie besteht darin, Kreditrisiken für Unternehmen und für Staaten zu analysieren und diese Meinung den Investoren zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus wurde bei der von Ihnen erwähnten Bezeichnung die Annahme getroffen, dass es nur eine Person ist, die solche Meinungen erstellt. Das entspricht nicht den Tatsachen. Es ist ein Kreditkomitee, das sich aus mehreren erfahrenen Analysten zusammensetzt. Vor diesem Hintergrund lassen mich solche Aussagen relativ kalt.
Aber Sie haben doch auch mächtige Gegner, die Sie kritisieren. Bundeskanzlerin Angela Merkel etwa, Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker oder Nobelpreisträger Paul Krugman…
Das Wort 'Gegner' würde ich hier nicht verwenden. Es gibt Kritik, insbesondere aus der Politik. Diese betraf die Herabstufungen der letzten Jahre im Zuge der Verschärfung der Probleme in der Eurozone. Wie gesagt: Unsere Rolle besteht darin, unsere Meinung kundzutun. Es ist eine sehr komplexe Thematik, mit der wir uns beschäftigen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass verschiedene Meinungen kursieren. Auch die drei grossen Ratingagenturen haben nicht immer die gleiche Meinung. Es sind Themen des allgemeinen Interesses, und da wird heftig diskutiert.
Mit 'Gegner' meine ich eigentlich die Heftigkeit der Kritik, welche den Ratingagenturen bisweilen entgegenbrandet. Es kommt Gehässigkeit ins Spiel.
Persönlich habe ich das so nicht wahrgenommen. Aber es wird sehr kontrovers diskutiert. Sehen Sie: Innert Erst seit kurzer Zeit sind Staaten-Ratings ins öffentliche Interesse getreten. Es werden dann häufig Aussagen getroffen, ohne dass man den wirklichen Hintergrund kennt, was eine Ratingagentur eigentlich macht oder wie unsere Ratings zustande kommen. Es sind zum grossen Teil Missverständnisse darüber, was unsere Rolle eigentlich ist. Sie besteht ja nicht darin, irgendwelche Politmassnahmen zu flankieren. Sie besteht darin, den Investoren unsere Meinung zur Bonität eines Schuldners mitzuteilen. Das ist zuerst ein sehr technisches Thema, was nun aber aufgrund der grössere Gemengelage in den politischen Fokus gerückt ist.
Ratingentscheidungen können, wenn sie bekannt werden, auf den Finanzmärkten innerhalb von Sekunden Milliardenbeträge verschieben. Kommt Ihnen Ihre Macht nicht manchmal unheimlich vor?
Ratings stellen genau das dar, was sie darstellen sollen. Sie sind vorausschauende Indikatoren für die Ausfallswahrscheinlichkeit. Es werden auch Statistiken veröffentlicht, die das belegen. Von daher würde ich eher von Marktrelevanz sprechen und nicht Macht. Wenn Sie sich die Mühe machen und die Ratings genau anschauen, die in der Vergangenheit etwas prominent waren wie zum Beispiel die Herabstufungen der USA und Frankreichs, dann werden Sie feststellen, dass sich die Märkte eben gar nicht so bewegen. Das heisst, dass sie quasi auf Zuruf einer Ratingagentur Verkaufsorder einbinden würden. Das ist faktisch schlicht nicht beobachtbar. Das wird zwar immer wieder gerne vorgebracht, aber in der Regel ohne Belege.
Standard & Poor’s hat das Länderrating für Griechenland bereits 2004 um zwei Stufen zurückgenommen, dann passierte lange nichts, bis dann sieben Rückstufungen in nur 500 Tagen erfolgten. Können Sie das erklären?
Wenn sich eine wirtschaftliche Situation verschlechtert, kann das sehr schnell gehen. Die Situation verbessert sich dagegen in der Regel sehr langsam. Dinge gehen schneller kaputt als sie repariert werden. Wir hatten seit Beginn der Eurozone ein relativ niedriges Rating für Griechenland im Gegensatz zu den Märkten, welche Griechenland fast wie ein Triple-A behandelt hatten. 2004 stuften wir dieses relativ niedrige Rating herab, wie Sie richtig sagen. Die Situation verschlechterte sich dann 2008 und 2009 in einer nicht-linearen Art ab. Auch im Nachhinein sind wir mit unserer relativ schnellen Herabstufung Griechenlands zufrieden. Denn Griechenland hat tatsächlich eine Umstrukturierung vorgenommen, was nach unserer und allgemeiner Lesart ein Default darstellt. Unsere Entscheidungen wurden kritisiert seinerzeit. Aber im Nachhinein betrachtet ist dies keine Meinung mehr, sondern ein Fakt. Griechenland hat die Zahlungen nicht geleistet.
Was sind denn Ihre Hauptarbeitsgrundlagen und welche Methodik wenden Sie an?
Die Methodik ist sehr vielschichtig, ist aber frei zugänglich über unsere Website. Die Hauptfaktoren sind wirtschaftliche Entwicklung sowie externe und fiskalische, aber auch politische Entwicklungen. Hier stellen wir uns die Frage, inwiefern politische Institutionen in einzelnen Ländern oder in Europa insgesamt in der Lage sind, krisenhaften Situationen effektiv zu begegnen, um Schuldenkrisen zu vermeiden. Die Ratings werden erstellt in der Interaktion mit den jeweiligen Regierungen. Im überwiegenden Teil der Fälle auch im Auftrag der Regierungen übrigens. Es besteht also ein gegenseitiges Arbeitsverhältnis. Eine Herabstufung gefällt natürlich den Regierungen meistens nicht.
Die Märkte sind derzeit sehr angespannt. Haben wir die gleiche Situation wie Ende November 2011?

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