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Dienstag, 21. Oktober 2014

Die Bank bietet ihren Kunden Wertpapierdepots mit einer Pauschalgebühr an. Auf den ersten Blick klingt das fair. Doch der Anleger zahlt am Ende oft mehr als vorher.

WertpapierdepotCommerzbank verändert Gebühr zu ihren Gunsten

Die Bank bietet ihren Kunden Wertpapierdepots mit einer Pauschalgebühr an. Auf den ersten Blick klingt das fair. Doch der Anleger zahlt am Ende oft mehr als vorher.

© DPAVergrößernDie Commerzbank verändert die Depotgebühr zu ihren Gunsten.
Wir verkaufen dem Kunden nur noch das, was er wirklich braucht, heißt es im neuesten Fernsehwerbespot der Commerzbank. Aber stimmt dieses vollmundige Versprechen auch, das die radelnde (und nicht wie ihre Vorgängerin joggende) Commerzbank-Mitarbeiterin im Fernsehen gibt? Wer sich intern in der Bank etwa zum neuen „Premium Depot“ umhört, der bekommt Zweifel.
Den Kunden, die viel mit Wertpapieren handeln, solle das Depot mit „Pauschalgebühr“ möglichst gar nicht angeboten werden, hätten ihre Vorgesetzten durchblicken lassen, sagen Commerzbank-Berater, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen wollen. Das ist brisant, denn ausgerechnet für die „Heavy Trader“ genannte Gruppe sehr aktiver Wertpapierkunden würde sich die Depotkostenpauschale besonders lohnen. „Für diese Kunden gibt es ein inoffizielles Vertriebsverbot für das Premium Depot“, behaupten mehrere Mitarbeiter. Damit konfrontiert, sagt ein Sprecher der Commerzbank: „Was meinen Sie mit ,inoffiziell‘? Es gibt klare Compliance-Regeln. Diese schließen ein Vertriebsverbot an Heavy Trader aus.“
Die Commerzbank hat wie wohl keine andere Bank unter einem massiven Schwund an Wertpapierdepots und Wertpapiererträgen zu leiden. Interne, nur an Kundenberater ausgegebene Informationen vom vierten Quartal 2013 zeigen, dass die Misere größer ist als gedacht: Von 2007 bis 2012 brachen die Einnahmen rund um die Wertpapierkundendepots um satte 60 Prozent auf 695 Millionen Euro ein. In dieser Zeit ging der Anteil der Wertpapiererträge, die für jede Transaktion der Kunden von der Bank vereinnahmt werden, von 65 auf 52 Prozent zurück. Im Gegenzug stieg der Anteil der Gebühren auf den Kundendepotbestand an den Wertpapiererträgen von 35 auf 48 Prozent.
Weitere interne Zahlen geben zusätzliche Einblicke in das Ausmaß der Misere: Das in den Kundendepots der Commerzbank verwaltete Vermögen ging zwischen 2007 und 2011 von 113 auf 79 Milliarden Euro zurück, bevor es bei kräftig steigenden Aktienkursen bis zum Ende des Jahres 2012 leicht auf 82 Milliarden Euro zulegte. Als einen Grund für die zudem kräftig gesunkene Zahl der Depots führt die Commerzbank an, dass nach der Fusion mit der Dresdner Bank Kunden mit Depots in beiden Häusern diese zusammengelegt hätten. Der Schwund an Depots sei im Jahr 2013 gestoppt worden, wie der Sprecher der Bank betont. Aus der internen Präsentation für die Kundenberater vom vierten Quartal 2013 geht dagegen nur hervor, dass die Zahl der Depots von 2 Millionen im Jahr 2007 auf 1,4 Millionen bis Ende 2012 zurück gegangen ist.
Mit vier Depotpreismodellen hat die Commerzbank den Kampf gegen die Abwanderung ihrer Wertpapierkunden und ihre Unlust an Wertpapierkäufen aufgenommen. Vor allem vom Konzept des Premium Depots ist Commerzbank-Privatkundenvorstand Martin Zielke besonders überzeugt, wie er im Sommer 2013 dieser Zeitung sagte. Damals führte die Commerzbank das neue Depot mit Pauschalgebühr für „normale“ Privatkunden ein - durchaus mit Erfolg. Wie die Bank im Februar mitteilte, werden inzwischen 8000 Depots mit 1,5 Milliarden Euro an Vermögen als Premium Depot geführt, das heißt: Die Commerzbank verlangt einmal im Quartal „nur“ eine Gebühr, die als Prozentsatz auf den Depotwert erhoben wird - unabhängig davon, wie oft der Kunde Wertpapiere kauft und verkauft.
Ins Schaufenster gestellt hat die Commerzbank eine Pauschalgebühr von 1,45 Prozent auf das Depotvolumen. Die gilt aber selten für Reiche. Im Wealth Management genannten Teil des Privatkundengeschäfts, in dem die Commerzbank Kunden mit einem Vermögen von mindestens 1 Million Euro betreut, wird das Premium Depot zusätzlich zu anderen Preismodellen seit Anfang des Jahres 2014 angeboten. Dafür wirft die Bank gerade etliche Köder aus: Wer bis April Anlagen im Wert von mindestens 250 000 Euro überträgt, erhält 1000 Euro. Und den schon im Wealth Management betreuten Kunden machen die Berater ein individuelles Angebot für die Depot-Flatrate, das oft deutlich unter 1,45 Prozent liegt und den bisher erzielten Gesamtertrag mit dem betuchten Kunden berücksichtigt. Gleichwohl sollten sich Kunden nicht unbedingt zu diesem Preismodell verleiten lassen.
Einen guten Grund für die Pauschalgebühr gesteht die Commerzbank allerdings indirekt selbst ein. Die internen Unterlagen offenbaren, was man bisher von allen Banken nur vermuten konnte: Sie empfehlen (zu) oft ein schnelles „Rein und Raus“ von Anlagen im Depot, wenn sie daran verdienen. Dieser „Interessenkonflikt Kunde-Berater“ werde durch das Premium Depot „verringert“, wie die Commerzbank ihren Beratern gegenüber argumentiert: „Das Pauschalentgelt sichert Ihnen die Fokussierung auf das Kundenbedürfnis und reduziert Aktionismus mit Blick auf Wochenzielerreichung“, heißt es in den internen Unterlagen für die Berater. „Sie erhalten den Freiraum für gute Beratungsmöglichkeiten für jede Marktphase.“ Es folgt der Zusatz: „Auch bei fallenden Aktienkursen.“ Offenbar werden Kunden in schlechten Börsenphasen von vielen Banken allein gelassen, weil die Chance, ihnen etwas zu verkaufen, gering ist. „Im Premium-Modell wird durch das Pauschalentgelt die Rolle als Berater manifestiert und die Abgrenzung zum Verkäufer unter Beweis gestellt“, heißt es von der Commerzbank.
Ähnlich aufschlussreich wie die damit indirekt zugegebenen Verfehlungen in der Privatkundenberatung ist die Kalkulation der Depotkostenpauschale. Die aus der Welt der Mobiltelefone bekannte Flatrate klingt fair: Einmal im Quartal bezahlen und dann sind alle Transaktionen im Preis inklusive. Reiche Privatkunden sollten aber wissen, dass die ihnen angebotene Gebühr genau auf sie zugeschnitten ist. Die Commerzbank-Berater besitzen seit einigen Wochen Tabellen, aus denen für sie, aber nicht für den Kunden genau hervorgeht, wie viel die Bank mit jedem Depotkunden in den vergangenen Jahren verdient hat. Nun ist es an den Beratern, den Kunden Flat-Rates vorzuschlagen.
Sein Teamleiter habe dazu aufgefordert, auf den Gesamtertrag, den ein Depotkunde in der Regel der Bank bringe und der zum Beispiel 0,7 Prozent seines Depotvolumens ausmache, 30 Prozent aufzuschlagen, erzählt ein Commerzbank-Mitarbeiter. Das ergebe dann eine Depotpauschale von 0,91 Prozent. Andere Commerzbank-Mitarbeiter bestätigen zwar nicht diesen konkreten Aufschlag auf den bisherigen Ertrag, aber die Devise sei schon klar: „Die Marge im Wertpapiergeschäft ist unter Plan und muss steigen. Und das gelingt auch: Derzeit liegt sie um mindestens 0,1 Prozentpunkte höher als im Jahr 2012“, ist zu hören. Der Sprecher der Bank bestreitet, dass es Margenziele gibt. Es gebe vorwiegend Wachstumsziele, um den Ertrag zu steigern. Er sagt aber auch: „Natürlich gibt es eine Einzelkalkulation für Wertpapierdepots. Das müssen Sie schon allein aus regulatorischen Gründen machen.“
Vermutlich gehen auch Telefongesellschaften ähnlich vor und machen ihren Kunden Flatrate-Angebote, deren Kalkulation auf ihren Telefoniergewohnheiten in den vergangenen Jahren basiert. Auch ist nicht von der Hand zu weisen, dass ein Kunde mit einer Flatrate wohl eher mehr telefoniert als einer ohne. Übertragen auf das Depot heißt das: Ein Kunde, der nicht mehr für jeden Wertpapierkauf bezahlen muss, wird häufiger handeln als bisher. Einen Aufschlag auf die bisherigen Gesamterträge zu verlangen, ist also nicht abwegig. Zu bedenken ist aber auch, dass die Commerzbank mit dem Premium Depot unsichere, transaktionsabhängige Einnahmen gegen eine ziemlich sichere Vergütung tauscht. Schließlich schwankt die Flatrate-Gebühr nur abhängig von dem meist recht stabilen Depotwert.
Mit einigen Beratern im Wealth Management hat die Commerzbank - anders als im einfachen Privatkundengeschäft - noch individuelle Vertriebsziele vereinbart. Wenn sie den Kunden bestimmte „Produkte“ in vorgegebener Zahl nicht verkauft haben, bekommen sie am Ende des Jahres höchstens 90 Prozent des möglichen Bonus. Ein Commerzbank-Mitarbeiter erzählt, er solle in diesem Jahr 30 Prozent des von ihm betreuten Kundendepotsvolumens in Premium Depots bringen. „Das ist falsch und macht ökonomisch auch keinen Sinn. Es geht uns nicht um die Umschichtung von Depots, sondern um Wachstum und das Gewinnen von neuen Geldern“, sagt ein Sprecher der Commerzbank. Der Mitarbeiter dagegen vermutet, ein Großteil des Geldes in den Premium Depots komme auch wegen des Vertriebsdrucks aus alten Depots.
Trotz aller Dementis und Einsicht in Fehlverhalten in der Vergangenheit: Bis in der Commerzbank tatsächlich nur noch das verkauft wird, was der Kunde braucht, ist es wohl noch ein längerer Weg als die Strecke, die von der Mitarbeiterin im Fernsehwerbespot auf dem Fahrrad von zu Hause zum Arbeitsplatz zurückgelegt wird.
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