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Donnerstag, 5. November 2015

Abgas-Skandal VW-Kunden drohen Steuernachzahlungen Die Betrügereien des Volkswagen-Konzerns könnten die Käufer teuer zu stehen kommen. Die Aufsichtsbehörde befindet sich in einer „Phase des Erkenntnisgewinns“ – während sich in Wolfsburg Nervosität breitmacht.

Abgas-SkandalVW-Kunden drohen Steuernachzahlungen

Die Betrügereien des Volkswagen-Konzerns könnten die Käufer teuer zu stehen kommen. Die Aufsichtsbehörde befindet sich in einer „Phase des Erkenntnisgewinns“ – während sich in Wolfsburg Nervosität breitmacht.

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© DPA, REUTERSVW-Abgasskandal: Regierung macht Druck auf Volkswagen
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#Dobrindt zu den neuen Vorwürfen im Abgasskandal: „Das wird ein Steuerthema werden“ #dieselgate
 
Kraftfahrtbundesamt: „Typgenehmigungen stehen für sichere und umweltschonende Technik auf den Straßen“
Der Betrug von Volkswagen mit manipulierten Kohlendioxid- und Verbrauchswerten von rund 800.000 Autos hat an der Börse zu einem weiteren dramatischen Kursverfall der VW-Aktie geführt. Zeitweise sackte das Papier um mehr als 10 Prozent ab. Die Manipulationen, die VW am Vortag lange nach Börsenschluss öffentlich gemacht hat, waren im Unternehmen nach Informationen dieser Zeitung schon länger Gegenstand interner Beratungen. VW hat mit seinen jetzt bekannt gewordenen Betrügereien viele seiner Kunden finanziell geschädigt.
  Volkswagen04.11.2015 17:35 Uhr
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Veränderung zum Vortag-10,55 € (-9,50 %)
Volumen heute5,3 Mio. Stück
52 Wochen Hoch255,20 €
52 Wochen Tief92,36 €
Der wirtschaftliche Schaden von 2 Milliarden Euro, den VW zusätzlich zu den 6,7 Milliarden Euro für die alten Vorwürfe im Abgasskandal erwartet, wird intern als „eher vorsichtig“ eingestuft. VW-Fahrer könnten Schadensersatz fordern, weil der tatsächliche Spritverbrauch von Hunderttausenden Fahrzeugen höher liegt, als deren Besitzer aufgrund der Dokumente von VW angenommen haben. Außerdem hängt die Höhe der Kraftfahrzeugsteuer in Deutschland für Autos mit Erstzulassung nach dem 1. Juli 2009 am Ausstoß von Kohlendioxid. Wegen der Manipulationen bei den Typgenehmigungen kann es sein, dass die Steuern von Autos aus dem VW-Konzern zu niedrig festgesetzt worden sind. Steuernachzahlungen könnten die Folge sein. „Das wird ein Steuerthema werden“, sagte VerkehrsministerAlexander Dobrindt (CSU) am Mittwoch.
Der Minister forderte, dass die gefälschten Angaben von VW keine Steuernachzahlungen für die Kunden nach sich ziehen dürfen. „Ich gehe davon aus, dass man eine Lösung findet, die den VW-Kunden nicht belastet“, sagte er. Gleichzeitig weitet sich der Skandal um VW aber immer weiter aus und erfasst zunehmend auch die Politik.

„In einer Phase des Erkenntnisgewinns“

Die alleinige, zuständige Behörde für Typgenehmigungen ist in Deutschland das Kraftfahrtbundesamt. „Typgenehmigungen stehen für sichere und umweltschonende Technik auf den Straßen“, heißt es in der Behörde zur Begründung. Auf die Frage, wie es möglich sein konnte, dass Volkswagen trotz der gravierenden Abweichungen der realen Schadstoff- und Verbrauchswerte von den eingereichten Daten die Zulassungen bekommen konnte, wusste ein Sprecher des Amtes keine Antwort. „Das ist jetzt zu klären. Da befinden sich die Kollegen in einer Phase des Erkenntnisgewinns“, sagte er. Gleichzeitig teilte er mit, dass dem Amt bislang keine Angaben von VW vorliegen, welche Typen genau betroffen sind und wie weit die tatsächlichen von den genehmigten Daten abweichen. Am Vortag hatte VW angekündigt, „unverzüglich mit den zuständigen Zulassungsbehörden“ Kontakt aufzunehmen.
Das Kraftfahrtbundesamt überprüft die Daten bei Typgenehmigungen nicht selbst. Die Auftraggeber – in diesem Fall also VW – beauftragen damit direkt ein von der Behörde anerkanntes Messinstitut. Das Amt gehe davon aus, dass sich die Institute an die gesetzlichen Vorgaben hielten, sagte der Sprecher. Kontrollen der Kontrolleure gibt es offenbar nicht. Ein VW-Sprecher bestätigte, dass die bei internen Ermittlungen jetzt entdeckten Abweichungen so deutlich seien, „dass sie auch unter einem Toleranzkorridor nicht mehr dargestellt“ werden könnten. Betroffen sind weltweit 800.000 Fahrzeuge der Marken VW, Audi, Skoda und Seat mit 1,4-, 1,6.- und 2,0-Liter-Dieselmotoren sowie ein Benziner mit 1,4-Liter-Motor. China und die Vereinigten Staaten seien nicht betroffen, hieß es. Verkehrsminister Alexander Dobrindt sprach von 100.000 Benzinern, die betroffen seien. Wie hoch der gemessene Ausstoß über den offiziellen Werten liegt, teilte VW auch am Mittwoch nicht mit. Anders als Stickoxid – wo VW die Daten von 11 Millionen Autos mit einer manipulierten Software fälschte – ist Kohlendioxid für den Menschen unschädlich. Es gilt aber als das bedeutendste Treibhausgas und wird wesentlich für die Erderwärmung verantwortlich gemacht.
In Wolfsburg ist nach den jüngsten Enthüllungen eine deutlich gestiegene Nervosität spürbar. „Das ist nicht das letzte Fass, das aufgemacht wurde“, meinten Insider. Sie erinnerten daran, dass mit den internen Ermittlungen gerade erst begonnen worden ist. „Jetzt wird jeder Stein umgedreht“, hieß es. Der autoritäre Führungsstil und die daraus resultierende Kultur des Jasagens, die bei VW herrschte, habe dazu geführt, angestrebte Ziele notfalls auch mit krummen Mitteln zu erreichen. Intern soll es das Wort „Zaubertrank“ gegeben haben, wenn bei der Zielerreichung „nachgeholfen“ wurde. Das gilt für die manipulierte Software, mit denen die Abgaswerte von Dieselautos gefälscht wurden und für die jetzt eingeräumten „Unregelmäßigkeiten“ bei den Typgenehmigungen.
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Wie weit sich der neue VW-Vorstandschef Matthias Müller an der Spitze des Konzerns halten kann, dürfte sich allerdings weniger in Deutschland als in Amerika entscheiden. Sollten sich die jüngsten Vorwürfe der amerikanischen Umweltbehörde EPA als richtig herausstellen, dass das Unternehmen auch bei leistungsstärkeren Sechszylinder-Motoren getrickst hat, könnte es für Müller eng werden. Müller ist Teil und Mitschöpfer der alten VW-Kultur, die er jetzt ändern will. VW hatte die neuen Vorwürfe der EPA am Wochenanfang zurückgewiesen. Porsche kündigte derweil an, den betroffenen Porsche Cayenne in Amerika vom Markt zu nehmen.
Das Land Niedersachsen als zweitgrößter Anteilseigner sprach der Konzernspitze abermals sein Vertrauen aus. „Im Moment gibt es keinen Anlass, an der Zusammensetzung von Vorstand und Aufsichtsrat zu zweifeln“, sagte eine Sprecherin der Landesregierung. Man müsse jetzt die weiteren Aufklärungsschritte abwarten. „Es wird in den nächsten Tagen diverse Sitzungen geben.“
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© AFP, REUTERSVW-Aktien rauschen abermals in die Tiefe

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