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Sonntag, 22. Februar 2015

Kinder und Karriere Die Vereinbarkeits-Lüge Das gibt es kaum noch in Deutschland: Familien mit vier oder fünf Kindern. Sie haben politisch keine Lobby, viel Stress und hohe Ausgaben. Drei ganz unterschiedliche Großfamilien erzählen, warum auch für die Karriere keine Zeit

Kinder und KarriereDie Vereinbarkeits-Lüge

Das gibt es kaum noch in Deutschland: Familien mit vier oder fünf Kindern. Sie haben politisch keine Lobby, viel Stress und hohe Ausgaben. Drei ganz unterschiedliche Großfamilien erzählen, warum auch für die Karriere keine Zeit ist.
© MARCUS KAUFHOLDVergrößernTheresia Theuke hat vier Kinder und alles im Griff. Karriere will sie erst später machen.
Der Opel Zafira braust über das Kopfsteinpflaster. „Steigen Sie ein! Wir haben es eilig!“, ruft Annika Kröller. Ein schneller Händedruck, sofort geht es weiter. „Die Grundschule schließt gleich, wir müssen Charlotte abholen“, sagt die Mutter. Und gibt wieder Gas.
Annika Kröller hat fünf Kinder. Das jüngste ist 14 Monate alt, das älteste 14 Jahre. Zeit ist ein knappes Gut. Wie ein Topmanager jagt die Mutter von Termin zu Termin. Alles ist straff organisiert. „Das Schlimmste, was mir passieren kann, ist, dass sich irgendetwas um eine Stunde verschiebt“, erzählt sie. Lange Krankheiten sind nicht vorgesehen. „Gestern hatte ich noch 40 Fieber“, erwähnt sie. „Heute bin ich wieder fit.“ Der Opel hält vor der Grundschule. In 90 Sekunden steigt Kröller aus, öffnet den Kofferraum, schnallt eine Babytrage um, holt den kleinen Friedrich von der Rückbank und bugsiert ihn in die Trage. Sie eilt ins Schulgebäude und holt Charlotte. Dann geht’s ab nach Hause.
Das Heim der Kröllers liegt in Zwickau vier Kilometer von der Innenstadt entfernt. Es ist ein schlichtes Einfamilienhaus, für das die Familie nur 500 Euro Kaltmiete bezahlt. Dafür müssen sie es selbst renovieren. Vater Roy ist Handwerker, er wird noch Jahre brauchen, bis alles fertig ist. Das Dachgeschoss hat er bereits ausgebaut. Dort wohnen nun Moritz und Oscar. Auch Florian und Charlotte haben eigene Zimmer. Der 14 Monate alte Friedrich schläft mit im Ehebett, für ihn muss bald eine Lösung her. „Vielleicht ein Anbau, wir überlegen noch“, sagt die Mutter. „Ist ja auch alles eine Kostenfrage.“ Aufs Geld achten muss die Familie nicht nur beim Anbau. Spielzeug und Kleidung für die drei jüngsten Kinder tauscht die Mutter meist über das Internet. Der Rest wird aus zweiter Hand erstanden. Die beiden älteren Kinder erhalten neue Kleidung - „aber nur, wenn es bei H&M mal 20 Prozent gibt“. Den Wocheneinkauf im Supermarkt macht die Mutter samstags nach 19 Uhr. „Da geht das Bund Radieschen von 59 Cent auf 10 Cent runter, weil die das Gemüse sonst wegschmeißen müssten.“
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Hätte Annika Kröller keine Kinder, müsste sie sich über die Preispolitik ihres Supermarktes keine Gedanken machen. Die 37-Jährige hat Heilpädagogik studiert und einige Jahre in ihrem Beruf gearbeitet. Sie hörte erst auf, als sich das fünfte Kind ankündigte. „Die Fremdbetreuung hätte sich nicht mehr gerechnet“, sagt sie. Stattdessen nahm sie Oscar und Moritz aus dem Hort und reduzierte Charlottes Kindergarten auf sechs Stunden am Tag. „Das war auch gut so.“ Seitdem ist ihr 40 Jahre alter Mann der Alleinverdiener. Weil er als Fliesenleger im Osten höchstens 10 Euro pro Stunde bekäme, arbeitet er für deutlich mehr Lohn auf Montage im Westen.
33132911© CHRISTOPH SCHÄFERVergrößernAnnika Kröller hat fünf Kinder. Das jüngste ist 14 Monate alt, das älteste 14 Jahre. Zeit ist ein knappes Gut.
Ohne staatliche Hilfe kommen die Kröllers trotzdem nicht aus. Für ihre fünf Kinder erhalten sie 988 Euro Kindergeld. Außerdem bekommen sie 150 Euro Wohngeld und profitieren vom staatlichen „Bildungs- und Teilhabepaket“. Dadurch ist das Essen in der Schule kostenlos und auch die Fahrkarten für die Kinder. Das Amt übernimmt die Kosten für Klassenfahrten und zahlt etwa 200 Euro Kinderzuschlag. Das Betreuungsgeld von 150 Euro erhält Annika Kröller nur anteilig, weil es mit anderen Leistungen verrechnet wird. Dafür bekommt die Familie einen Urlaubszuschuss. „Man muss bloß schauen und fleißig Anträge schreiben“, sagt die Mutter. Mit einem Lächeln schiebt sie nach: „Die Sachbearbeiter und ich sind gute Bekannte.“

„Wir fühlen uns nicht arm“

Obwohl Annika Kröller die staatlichen Förderprogramme intensiv nutzt, ist sie auf eines stolz: Die Familie erhält kein Hartz-IV. „Ich käme mir sehr doof vor, jedes Jahr einen Arbeitslosengeld-II-Antrag abzugeben“, sagt sie, denn sie wolle ihren Kindern ein Vorbild sein und „der Solidargemeinschaft möglichst wenig zur Last fallen“. Zur Vorbildfunktion gehört auch, dass die Familie bei der Spendenaktion „Weihnachten im Schuhkarton“ mitmacht. Jedes Jahr werden zwei Kartons gepackt, „damit die Kinder sehen, dass es anderen viel schlechter geht“. Und überhaupt: „Ich mag diese Mitleids-Geschichten nicht. So sind wir nicht, wir fühlen uns nicht arm.“
Um kurz vor zwei Uhr wird Oscar von der Schule abgeholt, wenig später trifft auch Moritz ein. Dass alle Kinder nachmittags zu Hause sind, ist bei den Kröllers die Regel. „Wir haben die Vereine stark runtergefahren“, sagt die Mutter. Moritz wollte zwar in den Fußballclub und Charlotte unbedingt reiten. „Aber einen immer irgendwohin zu fahren, das geht nicht - und es vermisst auch keiner.“ Stattdessen setzen sich alle an den Küchentisch und machen Hausaufgaben. Eine quirlige Veranstaltung: Die älteren Brüder fragen einander laut Vokabeln ab, der kleine Friedrich bearbeitet heimlich den Ordner seines großen Bruders, Charlotte will malen. Leider sind ihre Stifte stumpf. Deshalb trinkt die Mutter ihren Kaffee aus, schnappt sich einen Spitzer und lässt die Späne in die geleerte Tasse fallen. Fünf Stifte später springt die Katze auf den Tisch. Sie will Futter. „Ohne mich würdest du verhungern“, stöhnt die Mutter. Die Krümel vom Mittagessen bleiben auf dem Tisch, die Tasse mit den Stiftspänen auf der Anrichte. „Das kann warten.“
Mit großer Effizienz, aber auch einer Spur Gelassenheit meistert sie den Alltag. Für eine Erwerbstätigkeit reicht die Zeit nicht. „Mit ein oder zwei Kindern lassen sich Beruf und Familie meist noch vereinbaren“, sagt Kröller. Mit mehr Kindern werde es richtig schwierig. „Oder man macht es wie ich, tut sich den ganzen Stress nicht mehr an und bleibt zu Hause.“ Ihren Ausstieg bereue sie nicht. Das Einzige, was ihr Angst mache, sei ihre Rente. „Wenn mein Bescheid kommt, könnte ich heulen. Die Familienarbeit wird nicht angemessen honoriert.“

Politisch keine Lobby

Das sieht auch der prominenteste Ökonom des Landes so. Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn trommelt regelmäßig für eine „Kinderrente“. Wer Nachwuchs hat, bekäme demnach für jedes Kind einen Bonus zur Rente. Wer keine Kinder hat, müsste mehr privat vorsorgen und „die Ressourcen, die Familien in die Erziehung stecken, zur Sparkasse bringen“. Die meisten Ökonomen und Politiker sind dagegen, die Erfolgschance geht gegen null.
33132917© CHRISTOPH SCHÄFERVergrößern„Viele Frauen sagen zu mir: ,Toll, dass du vier Kinder hast.‘“, berichtet Edna Wollenweber.
Familie Wollenweber kann es egal sein. Sie hat mehr als genug Geld. Mit ihren vier Kindern wohnen die Wollenwebers in einem großen, freistehenden Haus im Taunus. Besucher müssen am Tor vor einer kleinen Auffahrt warten. Sie können dem Gärtner dabei zusehen, wie er am Rasensprenger werkelt. Edna Wollenweber ist pünktlich da. Sie fährt einen VW-Multivan, drei ihrer Kinder sitzen darin. Auch Frau Wollenweber hat es eilig, denn die fünfjährige Rebecca muss zum Cellounterricht. Der dreijährige David und der eineinhalbjährige Lucas bleiben beim Vater, der auf 80 Prozent reduziert hat und an diesem Tag nicht arbeitet. Eine Haushaltshilfe bereitet das Mittagessen vor.
Ihre finanzielle Unabhängigkeit ermöglicht es den Wollenwebers, die Prioritäten in der Erziehung anders zu setzen als Familie Kröller. „Mir ist es sehr wichtig, dass Rebecca ein Instrument spielt“, sagt Edna Wollenweber. Das tägliche Proben müsse sie zwar begleiten, denn „eine Fünfjährige übt nicht, wenn man nicht danebensitzt“. Das aber nimmt die Mutter gerne auf sich. „In meiner Kindheit haben wir zu Hause vierhändig Klavier gespielt, das war toll.“ Auch ihr siebenjähriger Sohn Simon bekommt deshalb schon Unterricht. Simon spielt auch noch Hockey, und Rebecca lernt schwimmen. „Wir fühlen uns sehr privilegiert und sind sehr glücklich, dass wir uns diesen Standard leisten können“, versichert Edna Wollenweber. Sie sagt es fast entschuldigend. „Viele Frauen sagen zu mir: ,Toll, dass du vier Kinder hast.‘ Und dann schieben sie in einem Halbsatz nach, dass sie es sich nicht leisten können.“

35 Prozent der Großfamilien erhalten Hartz IV oder Wohngeld

In vielen Fällen dürfte das stimmen. Das zeigt die Studie „Konsumausgaben von Familien für Kinder“ des Statistischen Bundesamtes. Ihr zufolge geben Eltern von drei Kindern 1452 Euro für ihren Nachwuchs aus. Das staatliche Kindergeld deckt nicht einmal 40 Prozent der Kosten. In den meisten dieser Familien „übersteigen die Konsumausgaben das vorhandene Nettoeinkommen“, so die Studie. Die Betroffenen leben von der Substanz oder müssen Kredite aufnehmen. Wie es in Familien mit vier Kindern und mehr aussieht, hat diese Studie schon gar nicht mehr erhoben. Es gibt in Deutschland auch nur noch 172.000 solcher Familien. Das sind etwa 0,4 Prozent aller Haushalte im Land. Die Untersuchung „Mehrkindfamilien in Deutschland“ berichtet jedoch, dass 35 Prozent dieser Familien Hartz IV oder Wohngeld beziehen. Kinderreichtum geht oft mit Armut einher. Dabei spielt eine Rolle, dass viele Frauen mit steigender Kinderzahl ihre Erwerbsarbeit reduzieren oder aus dem Berufsleben aussteigen.
„Insbesondere ab dem vierten Kind geht die Erwerbstätigenquote markant zurück“, heißt es in der Studie für das Familienministerium. Nicht mal jede dritte Mutter gehe dann noch einer beruflichen Tätigkeit nach. Und von den wenigen Erwerbstätigen habe nur jede fünfte eine volle Stelle. Auch Edna Wollenweber ist es zu viel geworden. Sie hat Dramaturgie studiert und später für eine PR-Agentur gearbeitet. „Das dritte Kind war die Wasserscheide, da habe ich aufgehört. Auch mit der besten Organisation hätte ich meinen Kindern sonst nicht mehr gerecht werden können.“ Ruhiger ist ihr Leben nun geworden, aber immer noch nicht ruhig. „Wir Kinderreichen wissen alle nicht, wie wir dem Tag mehr als 24 Stunden abringen sollen.“
Zweifellos ist das aber auch eine Frage der Perspektive. Während bei den Kröllers die Späne in der Kaffeetasse bleiben, bringt die Haushaltshilfe der Wollenwebers nach dem Mittagessen die Küche in Ordnung. Edna Wollenweber kann ihre drei jüngsten Kinder in Ruhe ins Bett bringen. Als sie wiederkommt, fragt sie ihre Hilfe, wie lange sie noch da ist. Antwort: eineinhalb Stunden. „Dann backen Sie doch bitte noch einen Käsekuchen“, sagt Frau Wollenweber. Ihr Sohn hat am nächsten Tag Geburtstag.

„Wie schaffst du das?“

Derlei Hilfe könnte auch Familie Theuke aus Wiesbaden gut gebrauchen. Fabian Theuke ist 28 Jahre alt, Ingenieur und arbeitet Vollzeit. Seine Frau Theresia ist ein Jahr jünger, schreibt eine Doktorarbeit und zieht vier Kinder groß. Sie hat keine fremde Hilfe, beide Omas wohnen weit weg, eine Putzfrau gibt es nicht. „Viele fragen mich: ,Wie schaffst du das?‘“, sagt die junge Mutter. Sie antwortet: „Mich strengt das gar nicht an.“
Wer die Theukes zu Hause besucht, kann sich davon überzeugen. An einem Freitagnachmittag sitzt die Mutter mit ihren Kindern am Wohnzimmertisch und backt Waffeln. Genauer gesagt: Sie stillt mit einer Hand ihr Baby, holt mit einer Gabel in der anderen eine Waffel aus dem Eisen und unterhält sich dabei so flüssig weiter, als wäre nichts. Charlotte malt, Philipp puzzelt, Bernadette trinkt, und Franz guckt zu. Keiner schreit, der Laden läuft.

Erst die Kinder, dann die Karriere

Das Erfolgsrezept: die klare Struktur im Tagesablauf. Bis 9 Uhr gibt es Frühstück, danach geht Theresia Theuke mit allen Kindern drei Stunden an die frische Luft. Gegen 12 Uhr isst die Familie Mittag. Zwischen 12.30 Uhr und 15.30 Uhr wird geschlafen oder ruhig gespielt. Es folgt eine weitere Spielzeit draußen. Abendessen gibt es um 18 Uhr, eine halbe Stunde später geht es zu Bett.„Auf dem Spielplatz bin ich oft die einzige Mutter“, berichtet Theuke. „Die Kinder der anderen Mütter sind alle in der Kita.“ Um nicht immer allein zu sein, habe sie versucht, einen Spielkreis einzuführen. „Aber der Bedarf ist nicht da.“ Überhaupt sei es schwierig, sich mit anderen Müttern zu treffen. „Wenn ich mit vier Kindern irgendwo einfalle, dann ist die Bude mit sieben Leuten voll. Das wollen die wenigsten.“ Nun engagiert sie sich im „Verband kinderreicher Familien“, dort ist man unter sich.
Finanziell gesehen gehören die Theukes zur Mittelschicht. Das Gehalt ihres Mannes reicht für eine 100-Quadratmeter-Wohnung und einen VW Caravelle. Große Sprünge sind nicht drin, auf den Cent achten muss die Familie aber auch nicht. Der Staat bezuschusst die Theukes mit 773 Euro Kindergeld, 375 Euro Elterngeld und 150 Euro Betreuungsgeld. Vor allem Letzteres findet die Mutter zu wenig: „Die 1000 Euro, die der Staat für einen Kitaplatz ausgibt, die hätte ich gerne auf meinem Konto.“ Hinzu kommen die Einkommensverluste. Nach ihrem Studium hätte Theresia Theuke ins Referendariat gehen können. Die Ausbildung zum Lehrer wird aber nur in Vollzeit angeboten, was mit vier Kindern unmöglich zu machen sei. Nun schreibt sie die Doktorarbeit. Die Mutter lebt damit einen Rat, den Frauenzeitschriften neuerdings geben: die Kinder früh bekommen, um mit vierzig Jahren beruflich durchzustarten. „Ich mache noch Karriere“, sagt Theuke. Ganz sicher ist sie aber nicht. „Mal sehen, ob sich das bewahrheitet.“

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